Neue Werkzeuge für das Kanzleramt

Vom 31.12.2015

Was haben Neujahrsvorsätze und Regierungsmaßnahmen gemeinsam? Beide können durch Erkenntnisse der Verhaltensökonomie effektiver werden.

Die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums soll Schnellfahrer zum Nachdenken anregen – just in dem Moment, in dem sie aufs Gas drücken. (Foto: Picture Alliance)

Die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums soll Schnellfahrer zum Nachdenken anregen – just in dem Moment, in dem sie aufs Gas drücken. (Foto: Picture Alliance)

 

Von Katja Fels und Nils aus dem Moore

Die Zeit der Neujahrsvorhaben steht vor der Tür. Und mit ihr vermutlich schon wenig später die Saison der gebrochenen guten Vorsätze. Alle Jahre wieder. Warum ist das so?

Wer bereits auf viele unerfüllte Neujahrsvorhaben zurückschaut, der sollte doch sinnvollerweise Abstand davon nehmen, erneut welche zu fassen. Und doch beginnt für viele Menschen der Kreislauf jedes Jahr zu Silvester aufs Neue. Wieder werden gute Vorsätze gefasst und früher oder später über Bord geworfen.

Alle Jahre wieder: Das Scheitern der guten Vorsätze

Verhaltensökonomen nennen dieses Phänomen „inkonsistente Präferenzen“. Es offenbart sich besonders deutlich im Konflikt zwischen langfristigen Zielen und kurzfristigem Verhalten. Ein Paradebeispiel ist, dass ein Mensch, der zu einem früheren Zeitpunkt A den größten Nutzen für sich darin gesehen hat, seiner Langzeitpräferenz zu folgen (z.B. mit dem Rauchen aufzuhören), zu einem späteren Zeitpunkt B dann doch ganz anders entscheidet (und sich mit Freunden eine Zigarette anzündet) – dabei besitzt er immer noch die unveränderte Langzeitpräferenz, ein Nichtraucher werden zu wollen.

Weil viele Menschen diese eigene Schwäche beim Umsetzen von langfristigen Vorhaben kennen, nutzen sie kleine Tricks, um sich selbst bei der Stange zu halten. So bauen sie etwa sozialen Druck auf, indem sie ihrem Freundeskreis von den Plänen erzählen. Das erhöht die Kosten für gebrochene Vorsätze und damit die Wahrscheinlichkeit, dass das Vorhaben umgesetzt wird.

Webseite bietet „Verträge mit sich selbst“

Die von zwei amerikanischen Verhaltensökonomen betriebene Webseite Stickk.com geht noch einen Schritt weiter. Hier können Nutzer (kostenlos) ein ganz individuelles Ziel wählen und darüber mit sich selbst einen Vertrag abschließen. Aktuell werden auf der Seite Vorhaben wie „mindestens zwei Mal pro Woche meine Wohnung aufräumen“, „bis Weihnachten kein Haschisch mehr rauchen“ oder „mehr Sport treiben“ verfolgt.

In einem zweiten Schritt benennt der Nutzer einen „Schiedsrichter“ aus dem eigenen Freundeskreis, der die Einhaltung des Ziels überprüft. Optional kann der Vertragsnehmer zusätzlich einen selbst gewählten Geldbetrag aufs Spiel setzen. Bei Zielerreichung erhält er das Geld zurück, bei Misserfolg geht es als Spende an eine zuvor ausgewählte gemeinnützige Organisation.

Per Selbstbindungsvertrag zum Nichtraucher

Katja Fels ist Referentin für wirtschaftspolitische Kommunikation am RWI und promoviert in der Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Governance“ zu den Möglichkeiten und Grenzen verhaltensökonomisch fundierter Politikinstrumente. (Foto: RWI)
Katja Fels ist Referentin für wirtschaftspolitische Kommunikation am RWI und promoviert in der Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Governance“ zu den Möglichkeiten und Grenzen verhaltensökonomisch fundierter Politikinstrumente. (Foto: RWI)

Empirische Forschung von Verhaltensökonomen belegt, dass allein der Abschluss eines derartigen Selbstbindungsvertrags die Erfolgschancen für die Zielerreichung deutlich erhöht.

So konnte eine Studie zeigen, dass Raucher, die nach einer Gesundheitsberatung einen Vertrag mit sich selbst abschlossen, sechs Monate später mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit Nichtraucher waren wie die Mitglieder einer Vergleichsgruppe, die ebenfalls an der Gesundheitsberatung teilgenommen, aber keinen Selbstbindungsvertrag abgeschlossen hatten. Setzt man im Vertrag zusätzlich eigenes Geld aufs Spiel, steigen die Erfolgschancen weiter.

„Nudging“ – das Erfolgsrezept der „sanften Stupser“

Was nach einer netten Anekdote für die Vor-Neujahreszeit klingt, besitzt große politische Relevanz. Denn das allgemeinere Konzept, das hinter verhaltensökonomisch motivierten Instrumenten wie einem Selbstbindungsvertrag steht, hat in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort „Nudging“ (von „to nudge“, engl.: stupsen) weltweit Einzug in die Politik(beratung) gehalten.

Der Idee des sanften Stupsens haben der Ökonom Richard H. Thaler und der Jurist Cass R. Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness“ (deutscher Titel: „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“) zu breiter Bekanntheit verholfen.

Darin schildern die Wissenschaftler der Universitäten Chicago und Harvard eine Reihe von Möglichkeiten, wie durch minimale Eingriffe – etwa die Bereitstellung der richtigen Information im richtigen Augenblick oder die Veränderung von Voreinstellungen – die Wahrscheinlichkeit signifikant gesteigert werden kann, dass kurzfristiges Handeln in Konsistenz mit dem langfristigen Eigeninteresse erfolgt.

„Nudges“ sind nach ihrer Definition dabei alle „Maßnahmen, mit denen Entscheidungsarchitekten das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändern können, ohne irgendwelche Optionen auszuschließen oder wirtschaftliche Anreize stark zu verändern.“

Mittelweg zwischen Laissez-faire und Paternalismus

Nudges können daher einen Mittelweg bieten zwischen den gedanklichen Extremen einer Laissez-faire-Politik, die überhaupt nichts regelt, und hartem Paternalismus, also staatlichem Zwang durch Ver- und Gebote.

Auch gegenüber Steuern oder Subventionen, die über ökonomische Anreize eine Lenkungswirkung zu erreichen suchen, sind sie das Instrument mit geringerer Eingriffstiefe: Während etwa eine strafrechtlich sanktionierte Pflicht zur Steuerzahlung besteht, steht es dem „angestupsten“ Bürger jederzeit frei, sich bewusst gegen den steuernden Impuls zu entscheiden.

Dass die auf Freiwilligkeit beruhenden und in ihrer Mehrzahl ganz offensichtlich harmlosen Stupser dennoch wirksam sein können, belegt eine Reihe von Beispielen. So finden sich unter den erfolgreichsten Nudges beispielsweise jene farbigen Fußabdrücke auf dem Bürgersteig, die den Weg zum nächsten Mülleimer weisen und damit nachweislich die Vermüllung öffentlicher Plätze reduzieren.

Der vielleicht bekannteste Klassiker des Repertoires ist das aufgeklebte Bild einer kleinen Fliege in Urinalen des Amsterdamer Flughafens Schiphol. Sie aktivierte den Spiel- und Zieltrieb der Benutzer, es ging 80 Prozent weniger daneben und die Reinigungskosten der Sanitärräume sanken deutlich.

Unbewusstes im entscheidenden Moment bewusst machen

Nils aus dem Moore ist Kommunikationschef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und leitet im Büro Berlin die Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Governance“. (Foto: RWI)
Nils aus dem Moore ist Kommunikationschef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und leitet im Büro Berlin die Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Governance“. (Foto: RWI)

Auch in Deutschland erinnern bereits seit einigen Jahren große Plakate neben den Leitplanken der Autobahnen („Lass dir Zeit, Schatz!“, „Hallo Raser, wir warten.“) die Autofahrer in dem Moment, in dem sie den Fuß auf dem Gaspedal haben, an das Risiko zu schnellen Fahrens.

Das Interessante daran: Die Information „Rasen ist lebensgefährlich“ ist allgemein natürlich hinlänglich bekannt. Entscheidend ist, dass der Nudge diesen Hinweis genau in jenem Moment in den Entscheidungsprozess einspeist, in dem er großen Einfluss entfalten kann.

In der Bewusstmachung von relevanten Informationen zum richtigen Augenblick liegt unabhängig vom jeweiligen Kontext ein zentraler Hebel des Ansatzes. Egal ob konkret darum geht, stärker Energie zu sparen, mehr Gemüse zu essen oder frühzeitiger fürs Alter vorzusorgen.

Von der Downing Street ins Weiße Haus

In Großbritannien stieß das Konzept von Thaler und Sunstein schnell auf großes Interesse. Premier David Cameron gründete bereits im Jahr 2010, zwei Jahre nachdem das einflussreiche Nudge-Buch erschienen war, das „Behavioural Insights Team“ (BIT) und siedelte es direkt beim Kabinett an.

Das BIT verbreitete nicht nur verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse in der Downing Street, sondern verhalf auch einem weiteren Ansatz zum Durchbruch: der experimentellen ex-ante Evaluierung von Politikvorhaben, also dem Testen von neuen Politiken durch randomisierte Feldexperimente.

Nur Maßnahmen, die ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt hatten (oftmals im direkten Vergleich mit Alternativen), wurden in der Folge im großen Stil umgesetzt und allgemein eingeführt.

Andere Instrumente hingegen, die sich als weniger effektiv oder sogar als kontraproduktiv herausstellten, werden nicht weiterverfolgt. Der gesamte Prozess – inklusive der Fehlschläge – wird sehr transparent dokumentiert, wie der jüngst erschienene Tätigkeitsbericht des BIT zeigt.

Aus der anfangs kleinen Nudge-Unit ist mittlerweile eine große privatisierte gemeinnützige Unternehmung geworden, die nicht nur in Großbritannien sondern international eine Vielzahl von Regierungen und Verwaltungen berät. Inspiriert durch dieses Vorbild gründete Präsident Barack Obama im Januar 2014 ebenfalls eigene Nudge-Unit und verankerte das „Social and Behavioral Sciences Team“ (SBST)  im US-amerikanischen Regierungsapparat.

Vorbehalte in Deutschland

Doch in Deutschland scheinen die Vorbehalte gegenüber dem neuen Ansatz besonders groß zu sein. Seit August 2014, dem Monat, in dem die Ausschreibung von drei Stellen für Verhaltensökonomen öffentlich bekannt wurde, dominieren unterschwellige Ablehnung und mitunter gezielte Panikmache die Debatte in den deutschen Medien.

So befürchtete der Spiegel, dass „Alchemie im Kanzleramt“  unter Anwendung von Psychotricks betrieben würde, um die Bürger zu lenken. Der Berliner Tagesspiegel beschwerte sich, Verbraucher würden künftig „am Gängelband“  geführt. Und die Welt fragte, was davon zu halten sei, dass die Kanzlerin die Deutschen mit Hilfe der Verhaltensökonomie „zu Musterbürgern machen“ wolle.

Vor diesem Hintergrund diskutierte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) unlängst auf dem RWI Wirtschaftsgespräch das Thema „Stubs oder Schubs? Potenzial und Risiko des Nudge-Ansatzes in der Politikberatung“. Neben namhaften Vertretern der Pro- und Contra-Positionen aus der Wissenschaft war auch das Kanzleramt auf dem Podium vertreten: Andrea M. Schneider, Leiterin der neu gegründeten Projektgruppe „Wirksam regieren“ gab zum ersten Mal öffentlich Einblicke in die Arbeit dieser Einheit in der Berliner Machtzentrale.

Lenkung oder Bildung?

Als Kernfrage stand im Mittelpunkt, ob der Staat die Entscheidungen der Bürger durch Nudges gezielt in eine bestimmte Richtung lenken darf – oder ob seine Aufgabe nicht vielmehr in der Bereitstellung von Bildung besteht, damit sie fundierte Entscheidungen treffen können.

Lucia Reisch, Professorin an der Copenhagen Business School und Vorsitzende des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen beim Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, argumentierte als überzeugte Anhängerin für den Nudge-Ansatz.

Die Konsumforscherin wies zur Begründung unter anderem darauf hin, dass etwa 90 Prozent unserer Konsumentscheidungen – obwohl wir natürlich vom Gegenteil überzeugt seien – ohne Beteiligung des präfrontalen Cortex getroffen würden, also ohne Beteiligung jener Hirnregion, in der nach aktuellem Stand der Wissenschaft die Rationalität verankert ist.

Die Wirtschaft sei sich dieser beschränkten Rationalität fraglos sehr bewusst und nutze sie in vielfältigen Formen der Werbung und Produktplatzierung gezielt und erfolgreich aus. Nudging erlaube, hier seitens des Staates gegenzusteuern, ohne die Souveränität der Konsumenten zu verletzen.

Schon Kinder in Risikokompetenz schulen

Demgegenüber plädierte Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, für eine früh ansetzende Stärkung der Bürger durch bessere Bildung – etwa durch gezielte Reformen des Mathematikunterrichts, um schon bei Schulkindern den kompetenten Umgang mit Risiken zu fördern.

Wo der Staat die Bürger berechtigterweise schützen müsse, beispielsweise im Bereich der Werbung für Kinderprodukte, sei Nudging ein zu stumpfes Schwert. Hier plädierte er für klare Regulierungen und eindeutige Verbote.

Kanzleramt wolle Bürger nicht manipulieren

Andrea Schneider stellte klar, dass es der Projektgruppe im Kanzleramt nicht darum gehe, die Bürger zu manipulieren. Das Ziel sei stattdessen, mit Hilfe verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse besser zu verstehen, wie Entscheidungsprozesse ablaufen, um unter den vorhandenen Instrumenten der Politik die wirksamsten zu identifizieren.

Die Projektgruppe habe es sich vor allem auf die Fahnen geschrieben, „wissenschaftliche Evidenz wirksam und nutzbar zu machen für die Menschen“, betonte Schneider beim RWI Wirtschaftsgespräch. Das Testen verhaltensökonomischer Ansätze durch Feldexperimente sei eine sinnvolle Ergänzung zu den bereits weit verbreiteten ex-post Evaluationen politischer Maßnahmen.

Transparenz ja – aber erst nachträglich

Schneider räumte allerdings ein, dass die restriktive Informationspolitik des Kanzleramts zu konkreten Vorhaben der Projektgruppe für die Vorbehalte in der Öffentlichkeit mitverantwortlich sein könnte.

Für dieses Vorgehen warb sie auf dem RWI Wirtschaftsgespräch um Verständnis: „Wenn wir vorab bekannt geben, welche vereinfachten Formulare oder geänderte Verwaltungsprozesse wir testen wollen, dann ist das kein wissenschaftliches Experiment unter Alltagsbedingungen mehr, und wir erhalten keine sauberen Ergebnisse“, so die promovierte Volkswirtin.

Nach Abschluss der Experimente würde alles öffentlich dokumentiert. Das Ziel sei sogar, neben der politikrelevanten Aufbereitung die Ergebnisse auch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu publizieren.

Mehr Evidenzorientierung in der Politik

Die Beispiele des BIT  in Großbritannien sowie des SBST  in der US-Administration zeigen, dass dies tatsächlich auf transparente Art und Weise erfolgen kann. Dass nun auch in Deutschland politische Maßnahmen vor ihrer allgemeinen Einführung in Feldversuchen experimentell getestet werden, stärkt zweifelsohne die Evidenzorientierung der Politik. Eine Chance, erstmal in Ruhe zu arbeiten, hat die neue Projektgruppe im Kanzleramt daher allemal verdient.

Wer nicht auf die Veröffentlichung der ersten Tätigkeitsberichte warten und die Wirksamkeit von Nudging im Selbstversuch testen will, dem bietet das neue Jahr dazu eine prima Gelegenheit: Schließen Sie über Ihre Neujahrsvorhaben doch einmal einen Vertrag mit sich selbst ab und beobachten Sie, ob die Umsetzung damit erfolgreicher verläuft.