DigitalLife@Daimler: Wie aus „TrunkTetris“ pacTris wurde

Vom 21.09.2016

Beim ersten DigitalLife Day@Daimler im Jahr 2015 gewannen Toni Hoang, Gabriel Selbach und Sebastian Thiemt mit „TrunkTetris“ den ersten Platz des Ideenwettbewerbs. Ihre Idee: Eine App, die schon während des Einkaufs vorhersagen kann, ob und wie die Einkäufe in den Kofferraum passen.

Die glücklichen Gewinner des ersten DigitalLife Day@Daimler – Gabriel Selbach, Sebastian Thiemt und Toni Hoang (v.l.) gewannen mit ihrer Idee „TrunkTetris“.

Die glücklichen Gewinner des ersten DigitalLife Day@Daimler – Gabriel Selbach, Sebastian Thiemt und Toni Hoang (v.l.) gewannen mit ihrer Idee „TrunkTetris“.

 

Viel Applaus und 25.000 Euro Entwicklungsbudget waren der Preis für Konzept und Auftritt. Jetzt, ein gutes Jahr später, erzählen sie, was aus der Idee geworden ist.

Was ist denn aus „TrunkTetris“ geworden?

Sebastian: Der Name hat sich geändert, die Idee ist geblieben und umgesetzt. Die App heißt jetzt pacTris, funktioniert für die smart-Fahrzeuge aus unserem Konzern und ist seit dem 1. September auf dem Markt.

Das hört sich gut an! Aber lasst uns einen Schritt zurückgehen: Wie habt Ihr Euch eigentlich kennen gelernt? Und wer hatte die Idee für die App?

Gabriel: Sebastian und ich haben uns zufällig bei einer Trainee-Veranstaltung von Daimler kennen gelernt. Der Kontakt mit Toni entstand über die tägliche Arbeit. Die Idee hatte ich als ich mit einem überladenen Auto auf dem Ikea-Parkplatz stand und dachte: Hätte ich das mal vorher gewusst [lacht]. Später haben wir erfahren, dass die Idee auf diversen Plattformen schon häufiger genannt wurde. Aber die Zeit war wohl noch nicht reif dafür.

Warum nicht?

Sebastian: Alle Ideengeber hatten zwar den gleichen Use Case. Aber die ersten Umsetzungsstrategien basierten auf dem Prinzip der Fotometrie. Dabei fotografiert man einen Gegenstand und errechnet daraus die Maße. Häufiges Problem: Es fehlt das Referenzmaß. Man hat zwar das richtige Seiten-, nicht aber das Größenverhältnis. Dafür braucht man spezielle Stereo- oder 3D-Kameras, die haben aber nur sehr wenige Smartphones. Deswegen haben wir nach einer Lösung gesucht, die schon mit heutigen Smartphones funktioniert. Dann kam die Idee: Lasst uns über den Barcode gehen. Man scannt einen Gegenstand und ein Webcrawler durchsucht das Internet nach den Maßangaben dieses Produkts. Funktioniert in der Regel ganz gut, vor allem in Möbelläden oder Baumärkten.

Das heißt: Äpfel und Birnen könnt Ihr mit Eurer App nicht erfassen?

Toni: Doch, wenn der Apfel einen Barcode hat [lacht]. Tatsächlich sind die meisten verpackten Produkte mittlerweile auch mit Maßangaben versehen. Wenn das nicht klappt, bietet die App auch einen Standard-Katalog, in dem zum Beispiel Klappkisten, Umzugskartons und Koffer hinterlegt sind. Sollte man auch hier nicht fündig werden, gibt es auch eine Methode, das Produkt selbst zu vermessen.

Sebastian Thiemt, Toni Hoang und Gabriel Selbach bei der Präsentation der Idee TrunkTetris auf dem Daimler DigitalLife Day 2015
Sebastian Thiemt, Toni Hoang und Gabriel Selbach bei der Präsentation der Idee TrunkTetris auf dem Daimler DigitalLife Day 2015

Wie ging es nach dem DigitalLife Day weiter? Habt Ihr bei Daimler gekündigt und ein Start-up gegründet?

Sebastian: Nein, nein. Unser Auftritt beim Daimler DigitalLife Day 2015 hat uns einen richtigen Boost gegeben: Wir haben dort vor 500 Leuten inklusive Daimler-Chef Dieter Zetsche verkündet, dass wir die Idee umsetzen wollen. Klar mussten wir da auch liefern! Aber viel Zeit blieb uns nicht, wir hatten das Angebot pacTris auf der IAA 2015 vorzustellen. So hatten wir zehn Wochen Zeit, aus unserem Pitchdeck einen App-Prototyp zu machen. Gabriel ist einen Monat später nach Vancouver gegangen und ich nach Peking. Toni hat in Deutschland die Stellung gehalten. Jeder von uns wurde zu 20 Prozent für das Projekt freigestellt. Dann wurde es so richtig international und digital.

Habt Ihr besondere Tools oder Programme genutzt?

Sebastian: Wir haben nach der „SCRUM-Methode“ gearbeitet. Das war besonders hilfreich, da wir ja das Ziel hatten, in zehn Wochen einen Prototyp zu haben, aber noch nicht genau wussten, wie wir dahin kommen. Deswegen sind wir agil vorgegangen. Heißt: Wir hatten ein Ziel vor Augen, sprich das Kofferraumproblem zu lösen, haben aber den Lösungsweg flexibel angepasst. Wenn eine Methode nicht funktioniert, sucht man eine andere. Viele denken: Man hat eine Idee und realisiert danach ein Jahr lang genau das, was man in diesem Moment der Eingebung erdacht hat [lacht]. Allerdings macht die Ursprungsidee häufig nur fünf Prozent der gesamten Innovation aus.

Was war technisch das Anspruchsvollste?

Toni: Der Webcrawler, der die Maße anhand des Barcodes aus dem Internet ermittelt, war schnell entwickelt. Deutlich schwieriger war die Programmierung des Pack-Algorithmus, der die Anordnung im Kofferraum vorschlägt. Hinzu kam noch die Gestaltung des Front-Ends der App mit den Anforderungen an Responsivität und Skalierung der Darstellung. Das bedeutet: Die App muss auf verschiedenen Endgeräten funktionieren und die 3D-Darstellung auf jedem Gerät flüssig laufen.

Habt Ihr auch Entwicklungsleistungen eingekauft?

Gabriel: Nein. Wir haben alles intern entwickelt. Für den Prototyp hatten wir Unterstützung von den IT-Kollegen aus China. Um die kundenfähige App zu entwickeln, haben wir drei Kollegen des Forschung- und Entwicklungsbereichs in Indien für unser Team gewinnen können. Früher konnte ich mir unter internationaler Zusammenarbeit nicht viel vorstellen. Aber jetzt kann ich sagen: Von der Entwicklung rund um die Uhr und den Globus profitieren wir und das Arbeitsergebnis.

Ein Jahr später: die Projektmannschaft auf dem Daimler DigitalLife Day 2016. Von links: Raghunandan Ravuri, Sunag Jainar, Sebastian, Gabriel und Rajan Singh
Ein Jahr später: die Projektmannschaft auf dem Daimler DigitalLife Day 2016. Von links: Raghunandan Ravuri, Sunag Jainar, Sebastian, Gabriel und Rajan Singh

Wie habt Ihr euch organisiert? Gab es einen Chef?

Sebastian: Wir waren basisdemokratisch unterwegs. Einer hat moderiert, aber entschieden haben wir gemeinsam. Das war klasse. Wir hatten keinen Chef, aber viel Unterstützung von anderen Daimler-Kollegen: Das DigitalLife Team, Kollegen aus Forschung und Entwicklung und natürlich unsere Partner von smart haben uns immer wieder Türen geöffnet und uns viel Vertrauen entgegengebracht.

Hattet Ihr formale Strukturen – Rücksprachen, Geschäftsführermeetings etc.?

Gabriel: Ja klar – aber meistens digital, nach Bedarf und auch mal nach der Arbeit. Formale Meetings haben wir dabei nicht vermisst, eher fehlte ab und an der persönliche Kontakt. Über drei Kontinente und drei Zeitzonen hinweg zusammen zu arbeiten war nicht immer ganz einfach, trotzdem lief alles super.

Also kein Chef, kaum Strukturen, dafür gut Kohle – worin habt Ihr das Budget investiert?

Toni: In Serverkapazität und Smartphones – zunächst Android-Geräte, weil die Entwicklung und das Veröffentlichen der App auf Android einfacher ist, in die Hotelkosten und den Messestand auf der IAA. Später haben wir auch die Reisekosten unserer indischen Kollegen übernommen.

Wie ging es dann weiter?

Gabriel: Wir sind durch den Konzern getingelt und haben Interessenten gesucht – genau wie richtige Start Ups draußen mussten wir intern Kollegen für unsere Idee gewinnen. Wir waren zum Beispiel im Van-Bereich, haben mit den Kollegen von Mercedes me und aus dem Marketing von Mercedes-Benz und smart gesprochen. Interesse hatten alle, smart hat sofort zugeschlagen. Schließlich hatten die Kollegen selbst die Idee, mit einem Ikea-Einkauf zu zeigen, wie viel in einen forfour passt. Dann haben wir für smart den Prototyp entwickelt – zunächst nur für einen Smartphone-Typ. Das macht vieles einfacher.

Was habt Ihr dann mit dem Prototyp gemacht?

Toni: Wir stellten ihn auf der Pkw-IAA 2015 vor. Dort hatten wir einen eigenen Stand und smart hat uns einen forfour zur Verfügung gestellt. Man konnte mit den Test-Smartphones Pakete scannen und überprüfen, ob sie in den smart forfour passen. An den Publikumstagen haben wir so viel positives Feedback bekommen, dass uns klar wurde: „Wir müssen weiter machen!“

Sprich, den Prototyp zur Serienreife bringen?

Sebastian: Genau. Mit den indischen Kollegen haben wir eine Beta-Version entwickelt, die auf iOS lief. In dieser Phase wurde es deutlich komplizierter. Wir mussten den Daimler internen Zertifizierungsprozess für Apps, sowie den jeweiligen Prozess von Apple und Google durchlaufen. Hinzu kam, dass wir jetzt deutlich mehr mögliche Verhaltensweisen des Nutzers mit einkalkulieren mussten: Was passiert, wenn der Kunde bei Schritt 17 Knopf A statt B drückt? Um das herauszufinden, brauchten wir Testnutzer, die uns Feedback geben und Fehler suchen. Auch deshalb haben wir auf dem Daimler DigitalLife Day 2016 die Beta-Version von pacTris vorgestellt und viele Tester gewonnen.

Und seit wann gibt es jetzt die App?

Gabriel: Am 1. September 2016 war der offizielle Rollout. Seitdem kann jeder die App kostenlos im App Store herunterladen. Und Ende September wird sie auch im Google Play Store zu finden sein.

Was würdet Ihr aus eurer pacTris-Zeit gerne für die Zukunft mitnehmen?

Sebastian: Vertrauen. Uns wurde in dem Jahr extrem viel Vertrauen bei Daimler entgegengebracht. Der Preis dafür ist natürlich Verantwortung. Wenn pacTris morgen floppt, wüsste ich nicht, wen man neben uns noch dafür verantwortlich machen könnte [lacht]. Aber wir empfinden dies als sehr positiv. Jeder von uns steht voll hinter pacTris, weil wir hier wirklich etwas gestalten dürfen. Die Motivation ist eine ganz andere, wenn man sich eine Aufgabe selbst sucht.

Toni, Gabriel und Sebastian – danke für das Interview und viel Erfolg weiterhin.