Fintech: Mehr als nur heiße Luft?

Vom 22.09.2016

Vom Wirtschaftsmagazin bis zum Bankenvorstand: Alle reden über „Fintech“. Was soll das denn eigentlich sein und was bedeutet es für die Finanzbranche?

Fintechs verbinden Bankgeschäfte und digitale Innovation. (Foto: Picture Alliance)

Fintechs verbinden Bankgeschäfte und digitale Innovation. (Foto: Picture Alliance)

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das so manchem Bankmanager schlaflose Nächte bereitet. Es geht um „Fintech“. Sollten Sie die letzten fünf Jahre nicht gerade in einem U-Boot oder einer Höhle gelebt haben, wird Ihnen der Begriff schon öfter begegnet sein. Er gilt als klassisches Buzzword, das jeder noch so drögen Banker-Runde einen Hauch von Innovation verleiht.

Trotzdem wissen wenige, was sich hinter dem Begriff eigentlich verbirgt. Über eine verständliche Definition von „Fintech“ habe ich mich gestern mit meinen Bekannten Kilian Thalhammer und André Bajorat unterhalten, beide Berater der Fintech und E-Commerce-Branche. Kilians Antwort: „Fintech ist der Punkrock der Finanzindustrie.“

André ließ sich zu einer etwas ausführlicheren Aussage hinreißen: „Fintech ist eher eine Bewegung als ein konkretes Unternehmen. Beziehe ich es aber auf Unternehmen, würde ich solche Unternehmen als Fintechs bezeichnen, die im Bereich Finanzdienstleistung mit modernen Technologien klassische Geschäftsbereiche ‚angreifen‘ oder ‚überflüssig‘ machen wollen oder aber genau diesen Finanzdienstleistern moderne Technologien für den eigenen Einsatz anbieten. Dabei spielt das Alter des Unternehmens keine Rolle, sondern eher die Art des Produkts bzw. der Dienstleistung.“

Stichwort Disruption: Fintechs mischen die Finanzszene auf

Wir halten also fest: In erster Linie versteht man unter Fintech Finanzdienstleistungen, die durch den Einsatz neuer Technologien verändert werden. Wir halten weiter fest: Da jeder von uns Finanzdienstleistungen nutzt, werden wir alle über kurz oder lang von Fintech-Erfindungen betroffen sein. Dienstleistungen, die von Fintech-Unternehmen optimiert werden, umfassen in der Regel das Portfolio eines klassischen Finanzinstituts: Geldtransfers, Sparen, Investitionen, Kredite, Währungsmanagement, Zahlungsprozesse.

Genau wie der Fahrdienst Uber ein unangenehmer Weckruf für die Taxibranche war oder Airbnb für die Hotelbranche, versuchen die Stars der Fintech-Branche den klassischen Finanzsektor in die Knie zu zwingen. Um mitzuhalten, müssten Banken etablierte Strukturen, Dienstleistungen und Produkte aufbrechen und wieder neu zusammensetzen.

Das ist bekanntlich und insbesondere in Deutschland kein leichtes Unterfangen. Neben der veralteten Denkweise vieler Bankmanager erweisen sich strenge Regularien als innovationshinderlich. Start-ups bieten sich hier deutlich mehr Schlupflöcher als etwa einer Deutschen Bank.

Doch es sind nicht nur Start-ups, die als Vertreter der Fintech-Szene gelten. Ein internationales Vorzeigeunternehmen ist zum Beispiel Adyen aus den Niederlanden, das seit mittlerweile zehn Jahren – und lange bevor es den Begriff Fintech gab – technologisch elegante Lösungen rund ums Bezahlen anbietet.

Natürlich auch PayPal, das die Finanzbranche mit einem großen Knall auf den Kopf stellte. Auch hierzulande gibt es Erfolgsgeschichten: In aller Munde ist derzeit N26 aus Berlin. Seine Gründer bezeichnen N26 als „Europas modernste Bank“ und bieten ihren Kunden eine neue Generation des Girokontos an, das für die Nutzung am Smartphone optimiert ist.

Es war einmal: Ein Girokonto am Bankschalter eröffnen

Die technologische Mehrwert eines N26-Kontos gegenüber einem klassischen Girokonto ist hoch: Zahlungen können mit Sprachsteuerung angewiesen werden, der Dispo wird in Sekundenschnelle bewilligt, die Überweisung geschieht in Echtzeit, EC- und Kreditkarten können mit einem Wisch gesperrt werden. Die B2C-Dienstleistungen erfolgreicher Fintech-Unternehmen sind fast immer auf den jungen, urbanen Nutzer zugeschnitten, der sein Smartphone als Schaltstelle des alltäglichen Lebens begreift und wenig Zeit hat.

Einfach, schnell und bequem ans Ziel: Das ist die Haltung, mit der Unternehmen aus allen disruptiven Branchen erfolgreich wurden. Auch die großen Fintech-Unternehmen. Doch trotz der offenkundigen Bedrohung haben die klassischen Banken bis heute nur etwa 30 bis 40 Prozent ihrer Prozesse digitalisiert und investieren weniger als 0,5 Prozent ihrer Ausgaben in die Digitalisierung!

Während eine Bankenfiliale nach der nächsten schließt und insbesondere Menschen in infrastrukturell schwachen Regionen auf Alternativen angewiesen sind, stehen die Banken staunend daneben, veranstalten einen internen Fintech-Infoabend nach dem nächsten und unternehmen ansonsten: nicht viel.

Dabei muss das Rad nicht mal neu erfunden werden! Die großen Finanzinstitute könnten von den jungen Wilden profitieren, indem sie deren Produkte und Dienstleistungen in ihr Portfolio integrieren. Zumal junge Fintech-Unternehmen dazu neigen, nur die rentabelsten Bankleistungen zu optimieren und mit Mehrwert anzureichern: Nach der Vergabe von Krediten etwa sucht man bei N26 vergeblich.

Fintech: Herausforderungen für die Zukunft

In ein paar Jahren wird niemand mehr von „Fintech“ sprechen, denn was heute für Staunen sorgt, ist morgen Standard. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, Finanzdienstleistungen ohne großes Klimbim abzuwickeln, geht nicht mehr zurück an den Bankschalter.

Das sehen auch die großen Wagniskapitalgeber so: Der Fluss von Risikokapital in die Fintech-Branche steigt an, alleine von 2014 bis 2015 hat er sich verdoppelt. Die derzeit größten Fintech-Unternehmen sind nicht nur mit klassischen Bankleistungen erfolgreich, sondern auch mit Crowdfunding-Plattformen oder Versicherungen. Der durch die Fintechs ausgelöste Wandel lässt sich nicht mehr aufhalten, die große Preisfrage lautet nur, wie der Sektor in fünf Jahren aussieht.

Kilian Thalhammer meint dazu: „Die Fintech-Branche steht momentan vor drei großen Herausforderungen. Da ist einmal die Frage der Regulatorik – bisher werden die Interessen der Fintech-Szene noch nicht ausreichend vertreten, um sinnvolle Regeln für die Zukunft zu schaffen.

Die zweite Herausforderung ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Wann werden wir die erste volldigitale Bank erleben, die nicht nur vom Berliner Vollbartträger sondern von allen genutzt wird? Und last but not least: Wie werden sich die klassischen Finanzinstitute verhalten? Geht es um Kooperation oder um gnadenlose Verteidigung?“

Mein beruflicher Werdegang hat mich vom Start-up zum klassischen Kreditinstitut und weiter zu einem Finanztechnologie-Anbieter geführt. Ich hoffe, dass sich der Begriff Fintech schnell überflüssig macht, weil Banken und Start-ups gemeinsam das Beste beider Welten vereinen und dem Endkunden damit das Leben erleichtern.

Bis zum nächsten Mal,
Ihre Miriam Wohlfarth