Der Mythos Businessplan

Vom 16.11.2016

Wer will noch in dieses gefühlt marode Land investieren? Die Industrie nicht, der Staat nicht und nun schwächelt auch noch die Job-Maschine Handwerk.

Existenzgründungen sind gerade im Handwerk zurückgegangen. (Foto: Getty Images)

Existenzgründungen sind gerade im Handwerk zurückgegangen. (Foto: Getty Images)

„Wecke den Gründer in Dir”, wirbt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) in üppigen Zeitungsanzeigen für eine neue Gründerzeit. Das Internet der Dinge, Start-ups und gefallener Meisterzwang. Was wird nicht alles aufgeboten und geschrieben, um uns einen Gründerboom einzureden.

Doch die Fakten sprechen hartnäckig dagegen. Gerade hat der Handwerkszentralverband ZDH neue Zahlen vorgelegt, von einem „Allzeithoch” beim Umsatz wird berichtet. Doch wie im richtigen Leben: Die Großen kassieren, die Kleinen müssen sehen, wo sie bleiben.

„Handwerk hat goldenen Boden, ist nicht einmal die halbe Wahrheit”, klagt der eher linke Wirtschaftsverband für kleine und mittelständische Unternehmen OWUS. „Trotz guter Konjunktur für die meisten Gewerke, kommen viele gerade so über die Runden.”

So erwirtschaftet im eher industriellen Bauhauptgewerbe laut Destatis jeder Beschäftigte rund 125.000 Euro im Jahr, im Kraftfahrzeuggewerbe sogar mehr als 200.000 Euro. Friseure, Textilreiniger oder Steinmetze – also kleine Handwerke für den privaten Bedarf – bringen es dagegen nur auf einen mageren Jahresumsatz von gerade mal 43.000 Euro.

Geiz ist ungeil

Eine Folge davon: Die Zahl der Betriebe in allen(!) Handwerksbereichen steigt mittlerweile nicht mehr. Dabei hatte schon die rot-grüne Regierung Gerhard Schröders (SPD) im Jahr 2004 den bewährten, jahrhundertealten Meisterzwang für viele Gewerke aufgehoben. Seitdem drängen Billigheimer auf den Markt, leidet der Ruf des einst goldenen Handwerks, klagen düpierte Verbraucher – und fehlt es an innovativen Existenzgründern.

Geiz ist eben doch nicht geil. Das gilt ebenso für Billigkredite, die Förderbanken von der bundeseigenen KfW-Bank bis zu Thüringer Aufbaubank wie sauer Bier anbieten, um ihre kostspielige Existenz zu rechtfertigen.

Das Ergebnis stößt übel auf: Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland hat sich in einem Jahrzehnt fast halbiert! 2004 wagten laut Bundeswirtschaftsministerium noch fast 600.000 die Gründung eines Unternehmens – im vergangenen Jahr waren es gerade noch 300.000.

Nun sagen solche Zahlen wenig über die Qualität der neuen Firmen aus. Aber auch sozial und ökologisch ausgerichtete Existenzgründer berichten über Schwierigkeiten, das notwendige Startkapital zusammenzukriegen. Ein häufig übersehener Aspekt ist die Bürokratie, die der administrative Blähbauch in Behörden und Banken „produziert”.

Fehlende Nachfrage und Bürokratie

Familie und Freunde helfen zwar. 80 Prozent der befragten Existenzgründer greifen auf Geld aus dem privaten Umfeld und eigene Mittel zurück. Dies zeigt eine Umfrage der Beratungsfirma PwC bei 400 Start-ups. Die Mehrzahl beklagt einen erschwerten Zugang zu Wagniskapital. Was bleibt ist der Gang zur Bank: Rund 60 Prozent der Start-ups haben eine Kreditfinanzierung in Anspruch genommen.

Die meisten Möchtegern-Unternehmer tun sich allerdings schwer, potentielle Geldgeber von ihrer Geschäftsidee zu begeistern. Das zentrale Instrument dazu ist der Business-Plan. Auf etwa 30 bis 50 Seiten wird ein Geschäftsplan (engl. Business Plan) entworfen, mit dem die zukünftige Tätigkeit des Existenzgründers meist standardisiert beschrieben wird.

Die Annahme: Je besser der Businessplan, desto bessere Erfolgsaussichten hat der Existenzgründer. Ein „Mythos”, kritisiert Stefanie Kunze. Ein Zusammenhang zwischen Unternehmenserfolg und Businessplan werde durch die Forschung „nicht erhärtet”. Bestenfalls in einem vertrauten Marktumfeld halte der Plan, was er verspreche. Also für „imitative Gründungen”, so die Lehrbeauftragte an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.

Diese schafften aber kaum Jobs. In einem neuen Markt greife jedoch der bürokratische Businessplan viel zu kurz. Dabei wirken gerade innovative Geschäftsmodelle, dies zeigten Studien, als Beschäftigungsmotor. Zusammen mit Arne Offermanns von der Uni Hamburg veröffentlichte Frau Kunze die in der grünen Gründerszene Aufsehen erregende Studie „Mythos Businessplan” (Springer Gabler Verlag), in der die Autoren vor „blindem Glauben” an ein einzelnes Instrument warnen. Daran hätte vor allem die Beratungsindustrie ein Interesse.

Kein Businessplan, kein Geld

Dem Mythos hängt neben Banken und Sparkassen auch der Staat an. Bund, Länder und teilweise Kommunen fördern Gründer mit Milliarden Euro. Doch ohne Businessplan sind kaum Fördermittel zu erhalten.

Offermanns beklagt eine „Fehlsteuerung” öffentlicher Mittel. Statt alles nur auf ein Dokument, das oft Dritte geschrieben hätten, zu setzen, sollten politisch Verantwortliche die Gründungsaktivitäten „in einer Region insgesamt fördern, ganzheitlich”. In Deutschland sei – im Unterschied zu den Hochburgen Großbritannien und USA – das Gründertum nur ein Anhängsel der Mittelstandsförderung.

Die schwarz-rote Bundesregierung sieht sich dagegen in der Erfolgsspur. Die Parlamentarische Staatssekretärin Brigitte Zypries lobt das Förderprogramm „Invest”. Das Programm habe bereits nach drei Jahren „einen beachtlichen Hebel” erwirkt: Für jeden Euro, der an staatlichem Zuschuss gezahlt wird, werden 1,50 Euro von Privaten zusätzlich in ein Unternehmen investiert. Geld kriegt laut Förderrichtlinien jedoch nur, wer einen beeindruckenden Businessplan vorlegt.

Trotz Trump und Brexit lügt sich „die Politik” wieder einmal in die eigene Tasche. Stattdessen sollte sie entbürokratisierte Rahmenbedingungen schaffen, um in einer gefühlt maroden und faktisch gespaltenen Gesellschaft wieder Optimismus für die Zukunft zu wecken.