Vom 24.11.2016

In den USA gehört Scheitern zum politischen und wirtschaftlichen Leben ganz selbstverständlich dazu. Was in Japan jahrzehntelang tabu war, ist nun im Wandel.

Gerade im Umgang mit Insolvenzen ist in Japan seit etwa 15 Jahren ein Wandel zu beobachten. (Foto: Getty Images)

Gerade im Umgang mit Insolvenzen ist in Japan seit etwa 15 Jahren ein Wandel zu beobachten. (Foto: Getty Images)

 

Nach dem Wahlsieg Donald Trumps ist klar: Hillary Clinton ist gescheitert. Statt ihre politische Laufbahn mit dem Präsidentenamt zu krönen, steht sie nun vor den Trümmern ihrer Karriere. Aber in den USA stehen die oder der politisch, wirtschaftlich oder im privaten Leben Gescheiterte immer wieder auf und nutzen ihre zweite, dritte oder x-te Chance.

Stellt man sich eine Skala vor, die zeigt, wie eine Gesellschaft mit Scheitern umgeht, liegen die USA sicherlich an dem Ende, das mit „Scheitern ist gesellschaftlich akzeptiert“ überschrieben ist.

Am anderen Ende dieser imaginären Skala liegt Japan. Es ist das absolute Gegenbeispiel zu den USA – oder zumindest war es das viele Jahrzehnte lang. So hat sich im Deutschen zum Beispiel der japanische Begriff Ausdruck „Harakiri begehen” festgesetzt.

Hierzulande steht dieser Ausdruck im übertragenen Sinn dafür, dass sich jemand absichtlich gesellschaftlich, politisch oder wirtschaftlich zugrunde richtet. Er steht aber vor allem auch sinnbildlich dafür, dass jemand sein Scheitern oder seine Niederlage als Schande empfindet.

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, welche Missverständnisse es in bestimmten Punkten zwischen Deutschen und Japanern gibt. Denn der Begriff „Harakiri” (im Japanischen: 腹切り) ist lediglich die europäisierte oder verwestlichte Variante von „Seppuku”. Harakiri stammt von 腹 (hara, Bauch) und 切る (kiru, schneiden), während Seppuku (切腹) eine ritualisierte Art des Suizids bezeichnet, bei dem im Japanischen die Schriftzeichen gerade in umgekehrter Reihenfolge verwendet werden.

Fakt ist: Seppuku war weniger ein Akt der Schande, sondern vielmehr ein Akt, mit dem die Ehre wiederhergestellt beziehungsweise eine Schande vermieden werden sollte.

Stark an Deutschland ausgerichtet

Die gesellschaftliche Akzeptanz des Scheiterns hat sich in Japan aber vor allem seit der Jahrtausendwende stark gewandelt. Man könnte sagen, dass sich Japan in diesem Punkt dem Westen annähert. Die beiden Hauptgründe dafür sind gesellschaftlich-wirtschaftlicher und rechtlicher Natur.

Um den rechtlichen Aspekt nachvollziehen zu können, ist ein kleiner historischer Exkurs in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg notwendig. Damals hatte Japan die Konkursordnung des Deutschen Kaiserreiches übernommen und seine Rechtsordnung auch insgesamt stark an dem deutschen Vorbild ausgerichtet. Ein Punkt, der rund ein Jahrhundert später übrigens immer nachwirkt. Das japanische und das deutsche Recht ähneln sich weiterhin sehr, auch wenn es inzwischen Einflüsse aus dem amerikanischen Rechtsraum gibt.

Die Insolvenzantragspflicht – also die Pflicht des Verantwortlichen in einem Unternehmen binnen drei Wochen einen Insolvenzantrag zu stellen, wenn ein Insolvenzgrund vorliegt – übernahmen die Japaner aber nicht aus dem deutschen Recht. Die Folge: In Japan gab es lange Zeit so gut wie keine Insolvenzen, die in die Öffentlichkeit drangen.

Vielmehr fanden die Versuche der Unternehmen, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen, fast ausschließlich in den Konferenzzimmern oder Besprechungsräumen von Banken statt, und damit nicht – wie in Deutschland – in Gerichtssälen und damit in der Öffentlichkeit. So konnte sich in Japan aber auch keine Sanierungskultur etablieren, weil dieses eher konspirative Vorgehen dazu führte, dass Gläubiger, die nicht mit am Tisch saßen, finanzielle Nachteile erlitten, weil sie oft intransparent oder ungleich behandelt wurden.

Mission gelungen: Insolvenzen attraktiver gemacht

Das änderte sich erst mit der Jahrtausendwende und den beiden neuen Sanierungsgesetzen, die der japanische Gesetzgeber damals in einem Gewaltakt aus der Taufe gehoben hatte. Die Ziele waren hoch gesteckt: Insolvenzverfahren sollten attraktiver, zugänglicher und transparenter werden.

Erreichen wollten die Japaner das, indem sie das neue Recht sehr stark auf die Sanierung angeschlagener Unternehmen ausrichteten. Und man kann zweifelsfrei sagen: Mission gelungen! Im weltweiten Vergleich finden sich keine Verfahren, die es in punkto Effektivität mit den japanischen Sanierungsgesetzen aufnehmen können.

Fakt ist: Der Anteil, den das neue japanische Insolvenzrecht daran hat, dass sich der Blick auf das Scheitern in Japan zwar langsam aber sicher ändert, ist immens.

Früher undenkbar, heute ganz selbstverständlich

Dabei spielt natürlich auch die Globalisierung eine gewichtige Rolle dabei. Der Kollaps von Banken weltweit oder andere, auch geopolitische, Krisen machen angesichts globaler Verflechtungen mit Zulieferern und Kunden vor japanischen Unternehmen nicht Halt und können zumindest Mit-Ursache von Insolvenzen sein.

Das haben die Japaner inzwischen akzeptiert und gehen damit erstaunlich offen um – etwa bei den sogenannten FuckUpNights, einem aus Mexiko stammendes Konzept, das inzwischen in vielen Länder aufgeschlagen ist: einer Plattform zum Austausch mit gescheiterten Unternehmern, die sich in einem offenen Bühnenformat erzählen, was und wie etwas schief gegangen ist. Noch vor einigen Jahren wäre so etwas in Japan wohl undenkbar gewesen. Jetzt sind die FuckUpNights auch in Tokio ganz selbstverständlich.

Es gibt aber auch eine Zahl, die den Wandel beim Umgang mit dem Scheitern greifbar macht. Und zwar die Zahl der Selbstmorde, auch wenn das vielleicht etwas makaber wirkt. Ein selbst gescheiterter Unternehmer hat bereits vor mehreren Jahren eine Initiative gegründet, um Suizide aufzuklären.

Die Daten, die er zusammengetragen hat, zeigen, dass es 1998 in Japan fast 33.000 Suizide gab – rund 4.400 davon waren als Suizide von Unternehmern registriert sind. 2011 war die Zahl der Selbstmorde auf knapp 30.650 zurückgegangen. Die erfassten Suizide von Unternehmern lagen nur noch bei rund 2.700. Bis zum Jahr 2015 ist die Zahl sogar noch weiter gesunken – auf 24.000 Suizide, von denen 1.700 von Unternehmern begangen wurden.

Der Anteil der Unternehmer an der Gesamtzahl hat sich zwischen 1998 und 2015 also mehr als halbiert. Insgesamt gesehen, kann man also durchaus sagen, dass Japan bei der gesellschaftlichen Akzeptanz des Scheiterns auf einem guten Weg ist. Gleichwohl kann aber keine Verbesserung in der Statistik – auch wenn sie noch so groß ist – die Einzelschicksale aufwiegen, die hinter diesen Zahlen stecken. Jeder Selbstmord ist und bleibt einer zu viel.