Liebe FAZ-Kollegen, bleibt auf dem Teppich

Vom 05.02.2016

Einige Kommentare mag man gerade als Konservativer nicht mehr lesen. Dimmt bitte die Rhetorik wieder etwas herunter, wenn man Euch ernst nehmen soll.

Wird als bürgerlich-konservativ bezeichnet: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (Foto: Picture Alliance)

Wird als bürgerlich-konservativ bezeichnet: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (Foto: Picture Alliance)

Die „Frankfurter Allgemeine“ (FAZ) ist neben dem „Handelsblatt“ immer noch meine Lieblingslektüre am Morgen. Das „Handelsblatt“ lese ich wegen seiner Berichte über Unternehmen und Banken, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wegen ihres Feuilletons und ihres Politikteils.

Mit den meisten Positionen war ich inhaltlich viele Jahre mehr oder weniger einverstanden. Inzwischen aber schillert mir das Blatt zu oft zu sehr ins Reaktionäre – und vor allem stört mich der deutschnationale und neowilhelmistische Ton in vielen Kommentaren.

Das gilt vor allem für die Flüchtlingsfrage, das einseitige Merkel-Bashing, die Europa-Politik und den Euro. Konservative verhalten sich skeptisch gegenüber politischen Veränderungen und frohen Fortschrittsbotschaften und fordern Pragmatismus ein. Reaktionäre bekämpfen alles Neue im Brustton der Überzeugung, Skepsis gehört nicht in ihren Denkhaushalt. Seit der französischen Revolution ringen beide politische Philosophien miteinander. Offenbar auch in der FAZ.

Manchmal möchte man den FAZ-Kollegen zurufen: Freunde, bleibt doch auf dem Teppich! Als echte Konservative solltet Ihr Euch nicht beteiligen an der allgemeinen Erregungsspirale in der öffentlichen Diskussion, sondern sie immer wieder auf die Fakten zurückrufen.

Feldzug gegen Deutschland

Zwei Beispiele aus den letzten Tagen: Tobias Piller echauffiert sich in der FAZ über die Politik der italienischen Regierung. Sie führe einen „Feldzug gegen Deutschland“, starte eine „anti-deutsche Bewegung“ und kümmere sich quasi permanent um eine „Kampagne gegen Berlin“. Feldzug gegen Deutschland? Geht es nicht schlicht um unterschiedliche Positionen und Interessen, die man mit Fug und Recht kritisieren kann, gegen die man aber keineswegs ein großes Geschütz wie unter Wilhelm Zwo auffahren muss.

Oder Holger Steltzner zu einem ganz anderen Thema – der Diskussion über den Sinn und Unsinn von Bargeld. Inhaltlich bin ich gar nicht weit von dem FAZ-Herausgeber entfernt: Als Bürger sollten wir uns gegen eine Abschaffung von Bargeld wehren, weil wir mit seinem Verschwinden ein weiteres Stück Freiheit verlieren würden.

Aber Steltzner wendet die ganze Debatte sofort wieder ins Wilhelminische, wie auch in vielen seiner Euro-Kommentare: „Gegen das Bargeld tritt eine internationale Allianz an – sie reicht von Washington, dem Silicon Valley über New York bis nach Brüssel, Berlin oder Frankfurt. Ihr Ziel ist totale Kontrolle“, so Steltzner in seinem Kommentar.

Internationale Verschwörung

Eine internationale Verschwörung? Dafür gibt es keine Belege. Wahr ist: In fast jedem Land gibt es eine Pro-Bargeld-Fraktion und eine Contra-Bargeld-Fraktion. Und „totale Kontrolle“? Das klingt nach Nordkorea und ist nun wirklich etwas anderes als der Vorschlag, Geschäfte über 5000 Euro nicht mehr in Bargeld zu erledigen.

Einer der wenigen Vorteile von gedruckten Tageszeitungen ist die Möglichkeit, sich dem ganzen Gewummer und Gewimmer in Internet-Foren und zunehmend boulevardisierten Netz-Medien aller Art konsequent zu verweigern und eine Debatte auf höherem Niveau zu führen. Man verspielt diese Aktiva, wenn man die schnelle und schrille Rhetorik des Digitalen auf Papier gießt.