Notfall Notaufnahme

Vom 17.02.2017

Die Wartebereiche in deutschen Krankenhäusern sind maßlos überfüllt, und zwar häufig wegen einfacher Erkrankungen. Die Notversorgung muss dringend reformiert werden.

Die Behandlung von wirklichen Notfällen kann zum Problem werden. (Foto: Getty Images)

Die Behandlung von wirklichen Notfällen kann zum Problem werden. (Foto: Getty Images)

Kürzlich war ich unfreiwillig Zeuge folgender Szene: In der Notaufnahme eines Krankenhauses wurde zu später Stunde ein Mann mittleren Alters eingeliefert. Er war liegend im Krankenwagen transportiert und von zwei Sanitätern begleitet worden. Sogleich scharrten sich der zuständige Arzt und zwei Pfleger um ihn, um ihm schnellstmöglich die notwendige Versorgung zukommen zu lassen.

Die Kommunikation gestaltete sich schwierig, der Mann wirkte recht fidel, sprach aber kaum Deutsch. Zum Glück war eine junge Frau dabei, die vermitteln konnte. Der Mann leide unter Bluthochdruck. Aha. Wie sich das geäußert habe, wollte der Arzt wissen. Ja wieso, man habe halt gemessen und da sei der Blutdruck hoch gewesen. Wie hoch genau könne man nicht sagen. Welche Beschwerden der Mann habe, ob ihm etwa schwindlig sei oder übel. Nein, nichts dergleichen, es gehe ihm gut. Sie ahnen die Pointe: Der Mann hatte sich einfach in die Notaufnahme verirrt.

Solche Vorkommnisse mögen selten sein – dennoch liegt in der Notversorgung manches im Argen. Wer bezweifelt, dass sich im Gesundheitswesen sparen lässt, dem rate ich einmal einen Blick in die Notaufnahme eines beliebigen Krankenhauses zu werfen.

Malariaprophylaxe ist wichtig – aber kein Notfall

Auf einem Branchenportal las ich den leidenschaftlichen Appell einer Kinder-Krankenschwester. Sie wandte sich an all die besorgten Mütter und Väter, die großes Unrecht wittern, wenn sie mit ihren verschnupften, blutenden, weinenden Kindern in der Notaufnahme warten müssen.

Sie wünschte sich die Einsicht, dass Kinder, die schneller dran kommen als andere, zumeist in größerer Not sind. Sie erinnerte in drastischen Worten daran, dass eine Mutter, die ihr sterbendes Kind in den Armen hält, wohl alles geben würde, um es noch lange weinen zu hören.

Die Notaufnahmen sind voll mit Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben, aber kein Notfall sind: Erkältung, Rückenschmerzen seit einer Woche, Malariaprophylaxe vor dem Abflug in den Urlaub am nächsten Tag etc. Nun mag es für die USA gelten, dass sich manch einer gezwungener Maßen in der Notaufnahme behandeln lässt: Anders als beim niedergelassenen Arzt, darf er dort auch ohne Krankenversicherung nicht abgewiesen werden.

In Deutschland ist die Situation anders. Hier ziehen die Menschen die Notaufnahme dem niedergelassenen Arzt vor, weil diese 24/7 offen ist, kein lästiger Termin vereinbart werden muss und es finanziell keinen Unterschied für sie macht.

Für das Gesundheitssystem allerdings macht es sehr wohl einen Unterschied, weil die Behandlung in der Notaufnahme ein Vielfaches der Hausarztbehandlung kostet. Eine integrierte Versorgung, bei der der Patient in die beste Behandlungsmöglichkeit gesteuert wird, würde Kosten sparen und dem Patienten mehr Bequemlichkeit bringen.

Malariaprophylaxe könnte schon Teil der Reisebuchung sein – wer in ein gefährdetes Gebiet reist, erhielte sogleich einen Link zu den erforderlichen Maßnahmen. Wer Rückenschmerzen hat, kann erste Fragen per Telefon oder online beantworten – und man kann den Patienten zur besten Versorgung lotsen, d.h. zum Hausarzt, Orthopäden, Radiologen oder tatsächlich ins Krankenhaus.

Bietet man ihm gleich noch einen passen Termin an, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht in der Notaufnahme landet, stark an.

Starre Grenzen helfen selten – Austausch ist ein besserer Weg

Aktuellen Hochrechnungen zufolge wird die Zahl der über 80jährigen in Deutschland in den nächsten 15 Jahren auf sechseinhalb Millionen ansteigen. Darauf müssen sich Medizin und Healthcare vorbereiten. Das kostet Ressourcen. Damit wir die Kosten im Griff behalten, brauchen wir heute schon Effizienzreserven.

Ich plädiere für das Auflösen der starren Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Ich rate zum Austausch von Daten der verschiedenen Leistungserbringer. Ich wünsche mir ein Commitment von Hausärzten, Spezialisten und Krankenhäusern zu Effizienz und Effektivität.

Genau darin besteht Reformbedarf in Deutschland. Wir sollten nicht warten, bis unser Gesundheitssystem mit dem Rücken zur Wand steht. Jetzt wäre die Gelegenheit für die Beteiligten im deutschen Gesundheitssystem, eine Integration ohne politisches Getöse voranzutreiben!