Postfaktisch – ein Unwort?

Vom 15.02.2017

Sind Clinton, Duterte und Trump Repräsentanten einer neuen Zeit? Die Oxford Dictionaries wählten „post truth“ zum internationalen Wort des Jahres 2016.

Der Begriff kam vergangenes Jahr in Mode, das Phänomen ist allerdings nicht neu. (Foto: Getty Images)

Der Begriff kam vergangenes Jahr in Mode, das Phänomen ist allerdings nicht neu. (Foto: Getty Images)

 

Postfaktisch bedeutet, dass es nicht mehr um objektive, also unabhängig von unserem Gefühl bestehende Tatsachen geht, sondern um Interessen, um Bauchgefühl, um zielgerichtete Emotionalisierung mit Hilfe digitaler Vermarktung. Es geht um Fake News und alternative Fakten.

Was uns daran stört

Eine postfaktische Gesellschaft gefährdet die Demokratie, löst ethische Werte auf und verflüssigt vertraute Traditionen, sie relativiert Gesetze und Normen. Es gilt dann nicht mehr, dass wir angst- und gewaltfrei miteinander diskutieren und mit Hilfe der stärkeren Argumente nach besseren Lösungen suchen. Es wird beliebig.

Eine Philosophie des Beliebigen

Die Philosophie des radikalen Konstruktivismus unterstützt und fördert diese Denkweise. Sie hat das Wort „postfaktisch“ nicht geprägt, aber es passt zu ihren Gedanken. Diese Philosophie kennen wir aus Redeweisen, die unseren Alltag prägen: „es gibt ja nicht nur eine Wahrheit“, „bei der Wahrheitsfindung gilt es, auf sein Bauchgefühl zu achten“, „es soll ja jeder nach seiner eigenen Façon selig werden“.

Es ist eine Philosophie der Beliebigkeit, die Alain Badiou an einer formalisierten Ordnung ohne Tradition mitwirkt, auf die sich unsere Identität stützt und ohne Rahmen für ein sinnvolles Leben. Badiou spricht von einer neuen Weltunordnung und einer sich herausschälenden weltlosen Zivilisation.

Was ist von diesen Überlegungen zu halten?

Die Biologie erläutert, dass unsere Sinnesorgane nicht geeignet sind, um uns einen Zugang zur objektiven Wirklichkeit zu verschaffen. Sie bilden die Welt nicht ab wie sie ist und deswegen können wir nicht sagen, was wahr und was falsch ist. Wenn wir dennoch brauchbar handeln können, dann deshalb, weil wir es durch Erziehung gelernt haben und weil sich unser Gehirn so entwickelt hat, brauchbare Bedeutungszuschreibungen zu produzieren.

Ein Konstruktivist denkt, dass wir nur mit internen Zuständen zu tun haben, wie ein Pilot im Airbus 320, der das Flugzeug nur über die Instrumente lenkt. Der Philosoph Wittgenstein erklärt uns, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten. Unsere Gedanken brauchen Wörter, damit wir sie denken können.

Hätte es Dinosaurier gegeben, wenn wir nichts von ihnen gewusst und über keine Begriffe von ihnen verfügt hätten (Reckwitz, Berlin, 2012)? „Ramses II. ist an Tuberkulose gestorben“ – stimmt dieser Satz, obwohl niemand ihn damals ausgesprochen haben kann? „Die Nordsee erstreckt sich über 575000 Quadratkilometer,was auch immer jemand darüber denken mag. Handelt es sich um eine unabhängig von uns existierende Wirklichkeit?

Radikaler Konstruktivismus denkt, nichts existiert außerhalb des menschlichen Bewusstseins: keine Dinosaurier, kein Ramses und keine Nordsee.

Kritische Überlegungen

Wir handeln brauchbar, weil sich unser Gehirn so entwickelt hat, dass dies möglich ist. Es hat sich ja entwickelt, weil es eine Wirklichkeit gibt, der sich das Gehirn im Laufe der Evolution anpassen konnte.

Sollte jedoch nicht beweisbar sein, dass es eine von unserem Bewusstsein unabhängig existierende Wirklichkeit gibt, so ist aber unser Bewusstsein auf jeden Fall wirklich. Dies gilt auch für Ramses II, dessen Todesursache wir nicht kennen können. Der Satz „Ramses II. ist an Tuberkulose gestorben“ ist auf jeden Fall wirklich.

Folgerung

Es gibt Wahrheit, so wie es eine von uns unabhängig existierende Wirklichkeit gibt. Deshalb gibt es auch Fakten, an denen wir uns orientieren, an denen wir uns messen und die uns herausfordern.

Deshalb haben wir es nicht nur mit inneren Zuständen zu tun und sehen uns nicht nur unseren Bedeutungszuschreibungen gegenüber. Deshalb gilt hier, dass Fake News geschwindelt und alternative Fakten verlogen sind.

Wir folgen eher der Philosophie des kritischen Rationalismus von Karl Popper. Er geht davon aus, dass es Wahrheit gibt, die wir aber nicht besitzen. Wir können uns ihr annähern, indem wir mit anderen kommunizieren, offen und mit guten Argumenten und dabei kritisierbar und lernbereit bleiben. Wir wollen ja vor allem die jeweils bessere Lösung suchen.

Wir können nicht beweisen, dass unsere Meinung wahr ist. Aber wir können überprüfen, ob sie denn nicht falsch sein könnte. Deshalb braucht es bescheidene Menschen – Clinton, Duterte und Trump gehören nicht dazu. Für Rechthaber, Besserwisser und Selbstdarsteller eignet sich diese Philosophie nicht. Eher für Sucher und Finder, für Träumer und Schöpfer neuer Welten, aber alles in kleinen Schritten.