The Day After Tomorrow

Vom 16.11.2015

Was bringt uns die Zukunft? Nach diesem schwarzen Freitag, der auch noch ein dreizehnter war, sehen wir plötzlich die "Writings on the Wall", die Simon & Garfunkel in ihrem unvergesslichen "Sound of Silence" beschrieben haben.

Trauerkundgebung am 16. November am Place de la Republique (Foto: Getty Images).

Trauerkundgebung am 16. November am Place de la Republique (Foto: Getty Images).

The Day After Tomorrow? Das Weltuntergangszenario in Roland Emmerichs Katastrophenfilm soll letztendlich zeigen, wie sich die Menschheit durch die fatale Veränderung des Klimas selbst zugrunde richtet. Vielleicht wird die Welt aber auf ganz andere Weise schon vorher an sich selbst scheitern und in sinnlosen Kriegen versinken? Irgendjemand hat die Büchse der Pandora geöffnet, aus der nach griechischer Mythologie Laster und Unheil entwichen.

Es ist frappierend, dass der sogenannte „Islamische Staat“ seine Terroranschläge gegen die „Hauptstadt von Unzucht und Laster“ gerichtet hat. Der IS versteht sich offenbar als Kämpfer gegen das, was aus der Büchse der Pandora entwichen ist, in Wahrheit ist er aber selbst das Unheil, das uns bedroht. Was für den IS „Unzucht und Laster“ ist, ist für unsere westlichen Werte das „freie Leben“. Bundespräsident Joachim Gauck: „Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror“.

Keine entscheidenden Erfolge im Kampf gegen den Terror

Aber wie verhindern wir, dass unser freies Leben immer stärker bedroht wird? Und wie vermitteln wir dieses freie Leben der islamischen Welt? Seit dem ersten islamistischen Terror-Anschlag auf das World Trade Center am 26.Februar 1993 haben alle Versuche, den Terror zu stoppen, nichts Entscheidendes gebracht. Und wenn jetzt von einem Krieg, oder gar Weltkrieg gesprochen wird, dann frage ich mich, ob wir wieder die gleichen Fehler machen, die in Afghanistan, Irak, Lybien und Syrien keinen wirklichen Frieden gebracht haben.

Das heißt nicht, dass wir ohne militärische Mittel auskommen werden. Es wird eine Vielzahl von koordinierten Maßnahmen geben müssen, bessere Geheimdienste, mehr Video-Überwachung, Luftschläge gegen den IS, vielleicht auch Einsätze am Boden. Doch die Bekämpfung des IS-Terrors muss auch und vor allem geistig-kulturell ansetzen. Als 2005 in Paris Autos brannten, textete der Spiegel: „In den Satellitenstädten um Paris, seit Tagen von Krawallen erschüttert, haben Jugendliche kaum Perspektiven.“ Und daran hat sich wohl bis heute nichts geändert. Im Stadtteil Seine-Saint-Denis mit zahlreichen Immigranten (und geringem Einkommen) war 2013 fast jeder dritte Jugendliche arbeitslos. Laut Spiegel ist die Zahl gewaltsamer Übergriffe in Seine-Saint-Denis laut Statistik viermal höher als im nationalen Schnitt: „Jugendarbeiterin Leroy erzählt außerdem von Jugendlichen, die auf illegalem Weg den Erfolg suchen. Das ist jedoch nicht alles. Denn laut Leroy kommt zu alldem noch ein gravierendes Problem hinzu: „In den sensiblen Vierteln sind immer mehr Leute schwer bewaffnet.

Freizeit- und Arbeitsangebote für Jugendliche schaffen

Wäre ich Präsident Holland würde ich ein Milliardenprogramm aufsetzen, das all diese heruntergekommenen Stadtviertel revitalisiert, in denen Hoffnungslosigkeit, Langeweile und Kriminalität zum „freien Leben“ gehören. Revitalisieren heißt vor allem: Freizeit- und Arbeitsangebote für Jugendliche schaffen, Schulen verbessern, Leben und Arbeiten im Rahmen der Stadtplanung stärker zu integrieren, Ehrenamtliches Engagement und Mobilität fördern, und auch die islamische Kultur respektieren.

Das gilt auch für deutsche Städte wie Duisburg, wo sich im Stadtteil Marxloh kaum noch Polizei hintraut. Wenn man die radikalen Rekrutierer von den Kindern friedliebender Moslems fern halten will,  muss man ihnen den Nährboden entziehen: Jugendarbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und Fremdenfeindlichkeit. Ja, gerade auch Letzteres. Richtig ist, wer hier in Deutschland lebt, muss sich den hiesigen im Grundgesetz verankerten Werten anpassen. Das fällt aber schwer, wenn Kultur – auch die islamische – nicht gelebt werden darf. Fremdenfeindlichkeit und Angst vor dem Islam sind Öl ins Feuer, das radikale Gruppen wie die Salafisten schüren. Wir müssen die Herzen und die Unterstützung derjenigen gewinnen, die mit dem IS nichts zu tun haben wollen.

Wenn das gelingen soll, müssen wir aber auch Wege finden, die unser „freies Leben“ kompatibel mit anderen Kulturen macht. Freies Leben bedeutet eben nicht nur Freizeitspaß, sondern auch, seinen Glauben leben zu dürfen, einschließlich der damit verbundenen Wertvorstellungen – solange diese sich an unsere Gesetze halten. Es geht nicht um einen Kampf der Kulturen, sondern um ein tolerantes Mit- und Nebeneinander von Kulturen.

Die Büchse der Pandora enthielt übrigens auch etwas positives: Hoffnung.