Was Wirtschaftsjournalisten von Helmut Schmidt lernen können

Vom 13.11.2015

Wenn wir in diesen Tagen Wirtschaftsberichte lesen, finden wir allgemeine Ratlosigkeit. Sich als Leser aber ein Urteil bilden zu können, ist der wichtigste Nutzen journalistischer Recherche.

Helmut Schmidt auf einer Veranstaltung von der Wochenzeitung DIE ZEIT am 19. Januar 2014 in Hamburg. Der Altkanzler starb am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren. (Foto: Getty Images)

Helmut Schmidt auf einer Veranstaltung von der Wochenzeitung DIE ZEIT am 19. Januar 2014 in Hamburg. Der Altkanzler starb am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren. (Foto: Getty Images)

Gerade las ich im Kress Report ein Interview mit Bernd Ziesemer, dem früheren „Handelsblatt-Chefredakteur zur Ausbildung von Journalisten. Ziesemer wurde vor kurzem zum Vorsitzenden des Fördervereins der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft gewählt. Er ist Nachfolger von Henning Krumrey, der ins PR-Geschäft wechselte. Und Krumrey war mein Nachfolger bei dieser ehrenamtlichen Aufgabe. Deswegen war ich gespannt, was Bernd Ziesemer zu sagen hat, der in den achtziger Jahren neben Arno Balzer, Roland Tichy, Galli Zugaro und Gabor Steingart (damals Volontär) in dem von mir geleiteten Ressort „Wirtschaft und Politik der „Wirtschaftswoche arbeitete.

Ich habe 2007 den „Tag des Wirtschaftsjournalismus initiiert, mit dessen Einnahmen die Finanzkrise der Schule beendet werden konnte. Im Rückblick fand ich ein ausführliches Youtube-Interview zur Weltwirtschaftskrise von Christoph Keese mit Helmut Schmidt im Rahmen des „Tag des Wirtschaftsjournalismus.  Zitat Helmut Schmidt: „Der deutsche Wirtschaftsjournalismus macht es den Lesern nicht gerade leicht, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.

„Akribische Recherche vermisst

Was sagt nun Bernd Ziesemer zur Ausbildung? „Es gibt eine Tendenz in Wirtschaftsmedien, die harte Unternehmensrecherche zu vernachlässigen.“ Und: „Nach meinem Geschmack entfernen sich viele Wirtschaftsmedien derzeit von ihrem Kerngeschäft. Stattdessen machen sie große Berichte über Flüchtlinge oder allgemeinpolitische Themen.“ Auf den Punkt gebracht vermisst er die „akribische Recherche“ (zum Beispiel einen Geschäftsbericht gründlich lesen) und kritisiert die zunehmende Berichterstattung über „allgemeinpolitische Themen wie Sterbehilfe (Titel Nr. 45 der Wirtschaftswoche) und Flüchtlingskrise“. (Wahrscheinlich meint er das Handelsblatt“, das sich unter anderem mit 75 Fragen zur Flüchtlingskrise ausließ.) Ist aber damit die Krise der Wirtschaftspresse erklärt, die ja seit Jahren unter massiven Anzeigenverlusten leidet?

Irgendwann habe ich einmal von einer Studie gelesen, wonach ein Wirtschaftsjournalist durchschnittlich neun Minuten Zeit hat, ohne Unterbrechung zu arbeiten. Wie kann man da „akribisch recherchieren“? Mein Eindruck ist, dass besonders die Wirtschaftsjournalisten unter enormem Zeitdruck und Stress stehen und nur die „Investigativ-Teams“ ausreichend Zeit haben, sich mit komplizierten Themen und Fragestellungen zu beschäftigen. Das ist natürlich eine Frage des anhaltenden Kostendrucks. Aber ich erinnere mich an meine Zeit bei der „Wirtschaftswoche“, wo wir keineswegs jede Menge Zeit hatten, um zu recherchieren und zu schreiben. Journalisten sind ja keine Vertragsjuristen, die nun wirklich alles lesen müssen. Wichtig ist, dass das, was sie schreiben, auch belegbar ist.

Die Überschrift, immer eine besondere Herausforderung

Wenn es um die Ausbildung geht, ist neben dem schreiberischen Handwerk das Wichtigste, dass der (ja gleichzeitig an der Uni studierende) Nachwuchs lernt, aus vielem Material in kürzester Zeit eine Geschichte zu stricken. Das ist für Studenten durchaus gewöhnungsbedürftig. An der Uni geht es nämlich tatsächlich darum, alles Material zu lesen und auszuwerten. Akribische Vollständigkeit hat hier Vorrang vor jedem Schnellschuss. Weil jedes Thema unendlich viel Redundanz enthält, müssen Journalisten viel scheinbar Wichtiges weglassen und den Kern des Themas so schnell wie möglich freischaufeln. Am Ende muss die Überschrift das ganze Thema korrekt erfassen – was immer eine besondere Herausforderung ist.

Ich finde die oben zitierte Aussage von Helmut Schmidt wichtiger als die „akribische Recherche“. (Was nicht gegen akribische Recherche spricht.) Wichtig ist was hinten heraus kommt: Der Leser muss sich ein Urteil bilden können. Wenn wir in diesen Tagen die Wirtschaftsberichte lesen, finden wir allgemeine Ratlosigkeit: Die Börsenentwicklung, die Ölpreise, die niedrigen Zinsen. und nicht zuletzt Flüchtlingskrise. Es wird viel geschrieben und viel kommentiert, aber es herrscht allgemeine Richtungslosigkeit. So erklärt sich vielleicht auch die Entscheidung von Miriam Meckel, das Thema Sterbehilfe als Titelgeschichte zu bringen.

Sich als Leser ein Urteil bilden zu können, ist in der Tat der wichtigste Nutzen  journalistischer Recherche. Dass Helmut Schmidt als Herausgeber der „Zeit“ so dachte, hat dieser Wochenzeitung sehr gut getan. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat mit diesem Prinzip aus der „Zeit“ ein unübersehbares Leuchtturm-Medium gemacht. (Ich erinnere an die Geschichte über das „Sterbehaus“ der Deutschen Bank vor wenigen Wochen.) Und das im Print, das „immer noch für 80 Prozent der Erlöse steht“, so di Lorenzo.

Ich wünsche Bernd Ziesemer viel Inspiration bei seiner neuen Aufgabe, denn die „Kölner Schule“ hat viele exzellente Journalisten hervorgebracht.