Welchen Werten folgt unsere Gesellschaft noch?

Vom 11.10.2016

Eine Philosophie unserer Zeit: Ist der Kampf der Kulturen nicht mehr möglich, weil wir uns nur noch von einem egoistischen Geltungsdrang leiten lassen?

Gemeinschaftssinn oder Egoismus – nach welchen Werten richtet sich unser Zusammenleben? (Foto: Getty Images)

Gemeinschaftssinn oder Egoismus – nach welchen Werten richtet sich unser Zusammenleben? (Foto: Getty Images)

Ein unvergessener Abend,
ungelebte Werte,
Weltveränderer, die wir sein wollen.

Es sind schon einige Jahre vergangen, doch bleibt der Abend unvergessen: muslimische Gelehrte diskutierten mit französischen Professoren in Paris über den „Kampf der Kulturen“.

Sie fragten nach den Werten in unserer Kultur, weil sie meinten, keine zu erkennen. „Mit euch ist ein Kampf der Kulturen gar nicht möglich. Ihr haltet eure Sonntags­pflicht nicht ein, sprecht eure Gebete nicht und befolgt nicht euer Fastengebot. Ihr achtet eure Frauen nicht und beschützt nicht eure Familien. Ihr glaubt nicht an Gott, unterliegt ganz euren materialistischen Zielen und verfolgt nur euren egoistischen Geltungsdrang.“

Die Liste war lang und stimmte nachdenklich. Sicher entspricht unsere Praxis nicht immer unserer Überzeugung.

Aber es kommt auch hinzu, dass wir uns seit dem „Ende der großen Metaer­zählungen“ nicht mehr auf vorgegebene Systeme der Welterklärung verlassen wollen, erst recht nicht, wenn sie mit Wahrheitsanspruch auftreten. Seither müssen wir selber nach den Grundüberzeugungen suchen, an denen wir unser Leben orientieren wollen.

Wir sind nicht im Besitz der Wahrheit

Wir haben gelernt, dass niemand im Besitz der Wahrheit ist, weil keiner über alle Informationen zu einem Thema verfügt und weil unsere Sinnesorgane uns die Welt nicht so abbilden, dass wir daraus absolute Folgerungen ableiten können. Unsere Überzeugungen haben sich im Verlauf der Geschichte immer wieder als falsch und als unvollständig erwiesen.

Wir sind also nicht im Besitz der Wahrheit. Wenn wir nach brauchbaren Lösungen suchen, dann sind wir auf die Kommunikation mit anderen Menschen angewiesen, auf die Meinung von Fremden, Kollegen und Experten. Dabei muss uns bewusst sein, dass wir bei unseren Überlegungen Fehler machen.

Deshalb ist es so wichtig, kritikfähig zu bleiben und dies sowohl mächtigen Personen als auch sich selber gegenüber. Gerade die Ideen, von denen wir am stärksten überzeugt sind, gilt es am strengsten zu überprüfen.

Kritikfähigkeit

Kritikfähigkeit ist hier ein Schlüsselbegriff. Gemeint ist nicht überall herumzu­kritisieren und hinter jedem Beitrag misstrauisch einen Fehler zu vermuten. Es ist die Bereitschaft, eigene und fremde Überzeugungen kritisch zu überprüfen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der solche offenen Diskussionen möglich sind.

Milliarden von Euro hätten gespart werden können, wäre eine solche Kultur praktiziert worden.

Das, was viele wussten, hätte auch besprochen und rechtzeitig geändert werden können. Die Werte stehen uns zur Verfügung, die Praxis hinkt hinterher. Angesichts der Möglichkeit, Milliarden einzusparen, ist leicht erkennbar, wie praktisch eine gute Philosophie sein kann.

„Stückwerksingenieur“

In der Philosophie von Karl Popper ist immer wieder die Rede vom „Stückwerks­ingenieur“. Bei Veränderungen verzichtet er auf die großen Entwürfe, auf die umwerfende Neuorganisation, auf die tiefgehende strategische Neuausrichtung. Er weiß nämlich, dass diese radikalen Eingriffe, weil sie ja falsch sein können, oft zu fatalen Nebenwirkungen führen, die nicht erwünscht sind.

Der Technikvorstand verlässt Siemens. Mit mehreren Entscheidungen soll er nicht einverstanden gewesen sein, so dass die Zusammenarbeit beendet werden musste, obwohl niemand wollte, dass er ausscheidet.

Stückwerksingenieur bedeutet Veränderung, konsequent und nachhaltig, aber überschaubar und korrigierbar. Popper nennt den Stückwerksingenieur auch einen Weltveränderer.

Unsere Werte

Den muslimischen Gelehrten könnten wir antworten, dass wir sehr wohl über Werte verfügen, für die wir auch eintreten:

  • dass es eine Wahrheit gibt, eine von uns unabhängig existierende Wirklichkeit, die wir nicht kennen, die uns aber daran hindert, von beliebigen Wahrheiten auszugehen;
  • dass wir auf der Suche nach dieser Wahrheit sind, dass wir die jeweils bessere Lösung brauchen und dass wir diese eher finden, wenn wir mit anderen kompetent, offen und vertrauensvoll sprechen können;
  • dass wir dazu kritikfähig sein müssen, anderen gegenüber, auch wenn es mächtige Personen sind und sich selber gegenüber, auch wenn es uns bei unseren Lieblingsideen besonders schwerfällt;
  • dass wir bei Veränderungen zwar in kleinen Schritten aber doch konsequent vorgehen wollen, stets Irrtümer zu kompensieren, bei denen oft andere Menschen die Folgen tragen;
  • dass wir Weltveränderer sein wollen angesichts der großen Aufgaben, die die Welt bereithält, denn wir wissen, dass Rechthaber, Großtuer und Selbstdarsteller sich in unseren Reihen nicht wohl fühlen.