In zehn Jahren zahlt der Kühlschrank

Vom 14.10.2016

Was beim Bezahlen heute als innovativ gilt, ist eigentlich schon ein alter Hut. Um Bezahlprozesse zu revolutionieren, müssen wir einen Schritt weiterdenken.

In der Londoner U-Bahn ist das Zahlen mit Smartwatch und -phone bereits möglich. (Foto: Getty Images)

In der Londoner U-Bahn ist das Zahlen mit Smartwatch und -phone bereits möglich. (Foto: Getty Images)

Die Frage, wie wir in zehn Jahren bezahlen, wird in Deutschland selten gestellt. Kein Wunder, denn seit Ewigkeiten bezahlen wir gleich: entweder mit Plastikkarte oder mit Bargeld. Im Internet geht es etwas abwechslungsreicher zu, hier konkurriert der Rechnungskauf mit PayPal, die Vorkasse mit der Sofortüberweisung.

Um zu sehen, was in Deutschland heute schon Normalität sein könnte, reicht ein Blick in unsere Nachbarländer: In den Niederlanden schmeißt niemand mehr Münzen in einen Parkautomaten. Um sein virtuelles Parkticket zu erstehen, gibt der Niederländer am Parkautomaten sein Kennzeichen ein und zahlt mit Karte. Oder, noch einfacher, er nutzt seine Park-App am Smartphone.

Engländer und Polen bezahlen ihre U-Bahn-Fahrt und ihren Kaffee, indem sie ihre Kreditkarte oder ihr Smartphone vor eine Lesestation halten. Dieses kontaktlose Bezahlen wird unter dem sperrigen Begriff der „Nahfeldkommunikation“ zusammengefasst, kurz „NFC“. Klingt kompliziert und bedeutet eigentlich nur, dass ich etwas vor ein Lesegerät halte, anstatt es reinzustecken.

Ob Ring, Uhr oder Smartphone – Innovation geht anders

Die Revolution sieht irgendwie anders aus. Ein aktueller FAZ-Artikel widmet sich den neuesten Einfällen der großen Kreditkarteninstitute. Um die Zukunft überhaupt zu erleben, drehen Unternehmen wie Visa oder Mastercard beim Thema Bezahlung kräftig am Innovationsrad. Ihr vorläufiges Fazit: Anstatt mit der Karte können wir künftig mit Ringen oder Uhren bezahlen. Klingt aufregend? Vielleicht im ersten Moment.

Denn im Grunde dreht es sich immer nur um die Frage, auf welchem physischen Träger meine Kontoinformationen gespeichert sind. Ob das nun die olle EC-Karte ist oder ein modischer Ring, macht keinen Unterschied. Zumal alle diese Bezahlmöglichkeiten nicht sicherer sind.

Mein Ring oder meine Uhr können genauso geklaut werden wie meine Kreditkarte oder mein Bargeld. Ein Fremder kann meine Zahlungsdaten nutzen, um einzukaufen, und das umso leichter, wenn nicht mal mehr die Eingabe des PIN gefordert ist. Man stelle sich vor: Als Gegengift wurden bereits Portemonnaies entwickelt, die meine kontaktlosen Zahlungsmittel vor dem Zugriff Fremder im Vorbeigehen schützen sollen!

Auch elektronische Geldbeutel werden geklaut

Im Internet sieht es nicht viel anders aus. In letzter Zeit haben unsere Internetfreunde Amazon, Apple und Google eigene Zahlungssysteme ersonnen, die den Weg zwischen Warenauswahl und Bezahlung verkürzen. Sie ähneln vom Prinzip her alle dem Vorreiter PayPal: Ich hinterlege meine Kontoinformationen oder meine Kreditkartendaten in einer Art elektronischer Geldbörse und kann mit einem Klick die Zahlung anweisen.

Auch die als innovativ gerühmten In-App-Bezahlungen basieren auf dem gleichen System. Beispiel Uber: Der Fahrdienst ermöglicht es mir, per App ein Taxi zu bestellen und die Fahrt in der App zu bezahlen. Als Fahrgast muss ich keine Karte und kein Bargeld mit mir führen, der Betrag wird nach Ende der Fahrt von meiner Kreditkarte abgebucht. Das ist sicher kundenfreundlich. Aber hochinnovativ?

Künstliche Intelligenz erleichtert den Alltag, auch beim Bezahlen

Egal ob Ring, elektronische Geldbörse oder Zahlen in der App: Kundenkonten können gehackt, Karten und Smartphones können geklaut werden. Die große Frage lautet, wie es Anbieter von Zahlungslösungen künftig schaffen, den Zahlungsvorgang zweifelsfrei an die Identität des Kontoinhabers zu knüpfen und einen sicheren und automatischen Bezahlvorgang zu entwickeln.

Erst an diesem Punkt werden wirklich innovative Technologien zum Einsatz kommen. Denn diese Herausforderung lässt sich nur über den Einsatz biometrischer Daten lösen: wir sprechen über den Fingerabdruck, den Iris-Scan, über Stimmerkennung oder Chips unter der Haut.

Und wenn irgendwann die eindeutige Identifikation des Käufers mit dem Internet der Dinge zusammenspielt, entsteht die Bezahl-Revolution. Denn dann verschmilzt der Vorgang der Warenauswahl mit dem Vorgang der Bezahlung; Geräte und Maschinen steuern den gesamten Kaufprozess eigenständig. Beispiel gefällig?

Mein Kühlschrank erkennt, dass Eier und Milch fehlen, funkt eine Bestellung an den Supermarkt und bezahlt sie nach Lieferung selbst. Mein Elektroauto merkt, dass der Akku leerläuft und übernimmt an der Ampel das Aufladen inklusive Bezahlung alleine. Als Kunde willige ich punktuellen Bezahlungen nur noch bei Impulskäufen ein.

Leider ist Deutschland kein Vorreiter, wenn es um Innovationen geht. Meist ist es nicht der Käufer, der nichts Neues will. Es sind Verbände und Banken, die sich uneinig sind und Innovationen aufhalten. Doch es besteht Hoffnung. Letzte Woche las ich einen schönen Twitter-Beitrag von Visa-Mann Michael Hoffmann: „If you want to change consumer behavior, you need to address consumer needs, not bank needs …“

Bis zum nächsten Mal,
Ihre Miriam Wohlfarth