Chinas Lernkurve ist steil

Vom 05.07.2016

Die Beteiligung des chinesischen Midea am deutschen Roboterbauer Kuka hat viele verschreckt: Droht der Ausverkauf des High-Tech-Standorts Deutschland?

Der Midea-Konzern hat Kuka 115 Euro pro Aktie geboten. (Foto: Picture Alliance)

Der Midea-Konzern hat Kuka 115 Euro pro Aktie geboten. (Foto: Picture Alliance)

Die chinesischen M&A-Aktivitäten in Deutschland wurden bisher immer mit Argusaugen verfolgt: Was machen die Chinesen damit? Wollen sie nur die Technologie abkupfern oder langfristig die Standorte nach China verlagern?

Bezeichnend: Die Anzahl der Übernahmen der Chinesen in Deutschland ist relativ klein, besonders im Vergleich mit den Amerikanern hierzulande. Während die Chinesen in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 20 Unternehmen gekauft haben, kamen die Amerikaner auf rund 130 jährliche Übernahmen deutscher Unternehmen in diesem Zeitraum. Bei US-Übernahmen regt sich niemand auf, wenn Chinesen als Käufer auftreten schon. Was ist der Grund?

Chinas Ruf ist ruiniert

Die Chinesen haben ihren Ruf bei M&A in den Jahren vor dem aktuellen Fünfjahres-Plan völlig ruiniert. Die Übernahmen waren geprägt von erratischen Strategien, vom Einkauf billiger Unternehmen, oft aus der Insolvenz, vom Eingriff in das Management und vom Abbau deutscher Fertigungen und dem Transfer nach China.

Es wurde einfach Mode, ein deutsches Unternehmen zu besitzen. Das Resultat war fasst immer desolat: Chinesen sind keine Restrukturierer, das passt nicht in ihre Kultur. Wenn eine Fertigung nach China verlagert wurde, dann hat niemand mehr die Produkte gekauft. Da halfen auch die miterworbenen Marken nicht. Das fast durchgängig schlechte Ergebnis dieser Strategien wurde quasi zum Markenzeichen dieser Übernahmen.

Dieses Signal blieb dem Zentralkomitee in Beijing nicht verborgen. Schnell und radikal wurde umgesteuert. Das fand seinen Niederschlag im jetzigen 13. Fünfjahres-Plan. Nunmehr werden Pläne nicht nur zur Wirtschaftlichkeit verlangt, sondern auch Konzepte zur Führung. Der Aufkauf maroder Firmen wurde eingestellt. Nicht mehr der „billige“ Kauf steht im Vordergrund, sondern die Rendite. Und vor allem: Die Strategie muss stimmen.

Chinesen kaufen nunmehr Unternehmen, die Synergien mit den Müttern haben und mit denen führende Weltmarktpositionen erreicht werden können. Bezeichnend dafür war 2012 der Erwerb des Betonpumpen-Herstellers Putzmeister durch die chinesische Sany und des Konkurrenten Schwing durch Xuzhou.

Mit einem Schlag lag der chinesische Weltmarktanteil bei 100 Prozent. Strategisch macht dieser Kauf Sinn, weil er besonders wichtig für die chinesischen Aktivitäten bei Hochhaus-Projekten ist. Bei beiden Deals erwarben die Chinesen die führenden deutschen Technologien.

Kein Desaster für Deutschland

In der Branche läuft das Sprichwort dazu „Kopierer kauft Original“. Ein Desaster für Deutschland? Beileibe nicht: Sany hat Putzmeister den weltweiten Vertriebsbereich zugesichert; die chinesische Mutter beschränkt sich auf die Bedienung des chinesischen Marktes. Auch der Cash verbleibt bei Putzmeister. Produktion und Entwicklung bleiben genauso wie das Management unangetastet, dem man nicht hineinredet.

Aber wie lange noch? Solange der Standort Deutschland vorteilhaft für das Geschäft ist und etwa einen technologischen Vorsprung vor der chinesischen Mutter sicherstellt. Da die Chinesen „treue“ und „strategische“ Investoren sind, kann das lange anhalten.

Seitdem ist eine ganze Reihe deutscher Unternehmen in chinesische Hände übergegangen, vor allem in der Photovoltaik-Branche (bei dem die Chinesen mittlerweile die weltweite Führungsposition innehaben), in der Auto-Zulieferindustrie, in der Logistik und in der Umwelttechnik.

Neben dem Erwerb der Technologie zählte vor allem der Kauf von Marken zu den Hauptmotiven für die Übernahmen. Die Chinesen haben – abgesehen von ganz wenigen Playern wie etwa der Telekom-Ausrüster Huawei oder der Computerbauer Lenovo – kaum Markenprodukte schaffen können. Die Namen der chinesischen Unternehmen sind uns meist fremd geblieben.

In der letzten Zeit sind große deutsche Übernahmen dazu gekommen, wie etwa die Deals mit EEW (Energy from Waste), 2016 für 1,4 Milliarden US-Dollar durch Beijing Enterprises und gleichzeitig der Kauf der Krauss Maffei Plastic Machinery durch eine chinesische Investorengruppe für rund eine Milliarde US-Dollar.

Keiner käme auf die Idee zu sagen, dass hier zentrale deutsche Technologien an das Ausland gehen. Dafür sind das „nur“ operativ interessante Investments, die für die Chinesen Sinn machen, weil sie eine Verbesserung der Kompetenzen in der Umwelttechnologie (EEW) bzw. eine Rückwärtsintegration (Plastik-Bearbeitungs-Maschinen) ermöglichen.

Chinesische Investoren haben viel dazu gelernt

Anders sieht es schon beim jüngsten großen Coup aus, dem Einstieg des Weiße-Ware-Herstellers Midea bei Kuka. Die Strategie der Chinesen ist hier diffus. Aus Gründen der Rückwärtsintegration, dem Einkauf von Robotertechnik allein gibt der Deal wenig Sinn. Der staatsnahe Midea-Konzern hat vielmehr im Auge, in das Gebiet der Robotertechnik zu diversifizieren.

Der hohe Kaufpreis, zu dem sich bislang kein deutscher „weißer Ritter“ finden ließ, impliziert hohe Synergiewerte. Dies kann nur realisiert werden, wenn Midea Kuka den chinesischen Markt weit öffnet. Eine Gefahr für Deutschland? Eher nein: Midea gibt Standortgarantien, eine Verlagerung von oder Technologieabzug nach China ist nicht in Sicht.

Die Chinesen haben gelernt, dass das nichts bringt. Der Technologie­transfer ist insofern indirekter Natur: Er befördert den Verkauf von Robotertechnik an chinesische Kunden und ertüchtigt sie, beim Automatisierungsgrad gegenüber Deutschland aufzuholen. Aber das ist ja das Tagesgeschäft von Anlagenbauern: Mit jedem Geschäft wird Wissenstransfer von Deutschland in die Zielländer vollzogen.

Mein Résümé: Auf Sicht bleibt uns der Kuka-Standort Augsburg erhalten, die Chinesen werden Kuka eher fördern. Sie haben gezeigt, dass sie „treue“ Investoren sind. Damit wachsen sie vielleicht in die Position eines Industriestaats wie die USA hinein, bei der kein Hahn kräht, wenn eine große transatlantische Beteiligung getätigt wird.