Deutschland ist das beste Land. Sagt nicht der Ostdeutsche…

Vom 27.10.2016

Sondern die „Washington Post” Anfang des Jahres. Auch eine aktuelle Studie der Bundesregierung zeigt, das die Deutschen so zufrieden sind wie noch nie.

Dem Bericht der Bundesregierung war ein Bürgerdialog vorausgegangen. (Foto: Picture Alliance)

Dem Bericht der Bundesregierung war ein Bürgerdialog vorausgegangen. (Foto: Picture Alliance)

Was für ein Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Deutschland, das „beste Land” der Welt vor Kanada, Großbritannien, den USA und Schweden. Sogar bestes Land für Entrepreneure. Und trotzdem wird gejammert und gejammert.

Die Bundesregierung hat soeben einen umfangreichen und durchaus lesenswerten Bericht zur Lebensqualität in Deutschland veröffentlicht, der nach eine Befragung von über 15.000 Deutschen ein überaus freundliches Bild unseres Landes und der Bedürfnisse seiner Bürger zeichnet.

Und viele Fakten liefert, die ein positives Bild von Deutschland zeichnen. Was fehlt ist der Teil, der jammert. Denn die Deutschen sind ein weinerliches Volk geworden, und zwar umso weinerlicher, je weiter es nach Osten geht – das ist ein Erbe, das uns ein gewisser Herr Honecker hinterlassen hat. Letzte Woche war ich in Leipzig und sah dieses Graffiti auf einem kaputten, leerstehenden Haus:

Leipzig, Probstheida Oktober 2016 : Sehnsucht nach der alten DDR? (Foto: Ralf-Dieter Brunowsky)
Leipzig, Probstheida Oktober 2016 : Sehnsucht nach der alten DDR? (Foto: Ralf-Dieter Brunowsky)

Eine aktuelle Umfrage von Infas im Oktober 2016 enthielt die Frage:

„Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert alles in allem sehr zufrieden, zufrieden, weniger zufrieden oder gar nicht zufrieden?”

Weniger oder gar nicht zufrieden sind im Osten 53 Prozent, im Westen 37 Prozent. In einer anderen Umfrage von 2015 äußern 31 Prozent der Ostdeutschen großes oder sehr großes Verständnis für Pegida, im Westen sind es nur 19 Prozent.

Sachsen hatte 2015  laut Statistischem Bundesamt einen Ausländeranteil von 3,9 Prozent. In Nordrhein-Westfallen und Bayern waren es über elf Prozent.

Als ich in Leipzig einen Taxifahrer auf das Thema Fremdenfeindlichkeit bei diesem geringen Ausländeranteil ansprach, lautete die verblüffende Antwort: „Wir wollen ja gerade verhindern, dass es mehr Ausländer werden”.

Bei der Frage nach der Lebenszufriedenheit in allen Bundesländern („Glücksindexwert” des Allensbach Instituts) stehen Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern auf den letzten fünf Plätzen. In der Statistik „Anschläge je 100.000 Einwohner” belegen sie dagegen gemeinsam die ersten Plätze, lediglich Berlin liegt noch dazwischen. Und Sachsen steht auf Platz eins (Quelle: „Die ZEIT”).

Dresden, diese wunderbare Stadt, verspielt gerade ihren weltweiten Ruf als Elb-Florenz. Für die Wirtschaft und die Universitäten ist Pegida und alles rechts davon eine Katastrophe. Merkt das denn keiner dort?

Woher kommt bloß diese permanente Unzufriedenheit im Osten?

Exkurs: Von den Rentnern dürfte sie eigentlich nicht kommen, denn die Durchschnittsrenten im Osten sind höher als im Westen, weil es in der DDR bekanntlich keine Arbeitslosen geben durfte und sich somit alle Rentenberechtigten die volle Lebensarbeitszeit anrechnen lassen konnten. Da die DDR nichts in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt hat, wurden die Milliarden vom Westen in den Osten geschaufelt.

Mir kommt eine Idee: Vielleicht liegt diese depressive Grundhaltung in Ostdeutschland daran, dass die Optimisten in den Westen abgewandert sind. Wo immer ich junge Leute aus Ostdeutschland hier im Westen treffe, sehe ich fröhliche, fleissige und zukunftsgewandte Menschen, die sich kaum beklagen, die nicht jammern und auf den Staat warten, sondern anpacken.

Nun, immerhin 36 Prozent der Ostdeutschen sagten 2014, es gehe Deutschland heute besser als vor der Wende. Oh, aber drehen wir es mal um. Dann glauben 64 Prozent der Ostdeutschen, es ginge ihnen heute nicht besser. Warum glauben sie das? Man kann es nur vermuten: Bei einer Umfrage im Auftrag des „MDR” fragte Infas 2014 nach den „besonderen Stärken” der DDR und der Bundesrepublik.

Die DDR punktete mit „Schutz vor Kriminalität” (66 Prozent), Gleichberechtigung von Mann und Frau (69 Prozent) und mit „Sozialer Absicherung” (75 Prozent). Die Bundesrepublik punktete mit Reisemöglichkeiten, persönlicher Freiheit, Wirtschaft und Lebensstandard.

Viel Geld ist von West nach Ost geflossen. Das Dresdner Ifo Institut hat den Netto-Transfer zwischen 1991 und 2013 auf 1.800 Milliarden Euro geschätzt. Doch Ost- und Westdeutschland sind immer noch tief gespalten. Vielleicht brauchen wir einen Ideenwettbewerb im „Land der Ideen”?

Hinweis: Die meisten Zahlen habe ich in „Statista” gefunden.