Warum sprechen wir von „Humankapital“?

Vom 04.08.2016

Deutschland schafft es im „Human Capital Index” des Weltwirtschaftsforums nur auf Platz elf. Was hinter dem etwas sperrigen Begriff eigentlich steckt.

Das Wort „Humankapital“ ist mehrheitlich negativ konnotiert. (Foto: Picture Alliance)

Das Wort „Humankapital“ ist mehrheitlich negativ konnotiert. (Foto: Picture Alliance)

Als Zwanzigjährige haben wir viel gelernt, vielleicht erste Arbeitspraxis gewonnen und uns (hoffentlich) Gedanken über unsere Zukunft gemacht. Möglicherweise hat sogar schon ein Arbeitgeber sein Interesse an unseren Fähigkeiten bekundet. Ohne es zu merken, sind wir „Humankapital“ geworden.

Aber warum nennt man das eigentlich so? Kann man nicht einfach „Personal“ oder „potenzielle Mitarbeiter“ sagen und sich dieses Wortungetüm sparen, das in Deutschland schon einmal zum „Unwort des Jahres“ gekürt wurde? (2004 trat die Jury aus Sprachwissenschaftlern dafür ein, den Begriff aus dem Wörterbuch zu streichen, weil er „Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“ degradiere.)

Wie alles begann

Vor fast drei Jahrhunderten definierte der Ökonom Adam Smith die Grundlagen erfolgreichen Wirtschaftens. Um Waren zu produzieren, muss man vier Formen von Anlagekapital einsetzen: Werkzeuge, Gebäude und Land sowie die „erworbenen Fähigkeiten aller Einwohner oder Gesellschaftsglieder“.

Arbeitende Menschen waren damit zu Kapital geworden, sie standen auf einer Stufe mit natürlichen Ressourcen und dem Eigenkapital des Unternehmers. Diese mechanistische Sichtweise begann sich aber erst ab 1928 durchzusetzen. Damals etablierte der Brite Arthur Cecil Pigou den Begriff, indem er schrieb: „Es gibt ebenso Investitionen in Humankapital, wie es Investitionen in physische Güter gibt.“

Warum der Begriff (doch) richtig ist

In den 1960er-Jahren machten die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Gary Becker und Jacob Mincer den Begriff populär. Sie bezeichneten damit die Kombination aus Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung, Gewohnheiten und Persönlichkeit, über die wir alle verfügen und die wir produktiv einsetzen können.

Diese Produktivität dient nicht nur den jeweiligen Menschen oder den Unternehmen, für die sie arbeiten. Auch die Gesellschaft profitiert davon. Kreative und produktive Arbeitnehmer tragen mehr zum langfristigen wirtschaftlichen Erfolg eines Landes bei als jede andere Ressource, stellt das Weltwirtschaftsforum in seinem jährlich erscheinenden „Human Capital Report“ fest.

Wie hoch der Beitrag zum nationalen Wohlstand ist, ist leicht zu erkennen. Die Grafik zeigt die enge Korrelation zwischen den Investitionen eines Landes in seine Arbeitskraft und der Höhe seines Bruttoinlandsproduktes.

 

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Wie misst man Humankapital?

Humankapital ist ein entscheidender Wachstumsfaktor, sagen die Autoren des „Human Capital Report“. Hier zu investieren, bringt Gewinn – nicht nur den beteiligten Personen, sondern der gesamten Wirtschaft. Und investieren heißt, jungen Menschen die Ausbildung zu ermöglichen, die sie im modernen Geschäftsumfeld benötigen. Das nützt sowohl ihnen als auch den Unternehmen, die ihre Fähigkeiten dringend brauchen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Eine Studie aus dem Jahr 2014 belegt, dass weltweit über ein Drittel der Arbeitgeber Schwierigkeiten haben, offene Positionen angemessen zu besetzen. Fast die Hälfte rechnet damit, dass der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften ihr Geschäft negativ beeinflussen wird.

Wir müssen also Wege finden, unser Humankapital zu verbessern. Eine Aufgabe, die umso wichtiger wird, je mehr technische, politische, demografische und ökonomische Faktoren die weltweiten Arbeitsmärkte grundlegend verändern. Dabei hilft der Human Capital Index des Weltwirtschaftsforums, der beobachtet und quantifiziert, inwieweit die einzelnen Länder ihr Humankapital entwickeln und nutzbringend einsetzen.

Der Human Capital Index 2016 vergleicht 130 Länder nach ihrer Fähigkeit, Menschen zu motivieren und auszubilden. Hier sind die Top 10:

Ranking

Den vollständigen Bericht finden Sie hier.

 

Autorin des Artikels ist Anna Bruce-Lockhart, Digital Content Editor des Weltwirtschaftsforums.