Ein sensibler Indikator für Stabilität

Vom 12.09.2016

Putsch und Säuberung verschrecken Investoren: Die M&A-Aktivitäten in der Türkei sind um rund 60 Prozent eingebrochen. Das ist kein Zufall.

Nach dem versuchten Putsch in der Türkei ist die Zukunft des Landes sehr unsicher. Das schreckt vor allem Investoren ab. (Foto: Picture Alliance)

Nach dem versuchten Putsch in der Türkei ist die Zukunft des Landes sehr unsicher. Das schreckt vor allem Investoren ab. (Foto: Picture Alliance)

 

Eine Unternehmensübernahme ist eine außerordentlich langfristig ausgerichtete Maßnahme. Sie ist dann angesagt, wenn beispielsweise ein Eintritt in einen anderen Regionalmarkt, in eine neue Technologie vorgesehen ist und die Alternative eines organischen Ausbaues weniger leicht zum Ziel führt. Gründe können zu erwartende Preiskämpfe sein oder ein Rückstand beim Markteintritt, der anders nicht mehr aufgeholt werden kann.

Schon der M&A-Prozess ist langwierig, doch damit ist es nicht getan. Die Zusammenführung von zwei Produktfamilien dauert mindestens einen Produktlebenszyklus lang. Dies können bei Industriegütern mehr als zehn Jahre sein.

Und auch in der schnelllebigen Mikroelektronik muss man lange Zeiträume einplanen. Hier liegt der Produktlebenszyklus vielleicht nur bei einem Jahr. Dafür werden aber in der Regel mehrere Produktgenerationen der Zukunft parallel entwickelt, obwohl sie hintereinander vermarktet werden, denn die Entwicklungszeit dauert häufig ein Vielfaches der Zeit, die zwischen zwei Produktgenerationen liegt.

Vielfältige Unsicherheit

Eine Unternehmensübernahme ist damit immer eine Wette auf die Zukunft in der Zielregion. Kein Wunder, dass positive Übernahme-Trends einbrechen, wenn Unsicherheit angesagt ist. Diese Unsicherheiten können allerdings ganz unterschiedlicher Natur sein.

Beispiel Großbritannien: Der Brexit wird zumindest so lange eine M&A-Bremse bleiben, wie nicht klar ist, wohin sich Großbritannien entwickelt. Steuerparadies und Low-Cost-Region? Oder doch ein teurer Standort, an dem wegen niedriger industrieller Wertschöpfung viele Vorprodukte und Komponenten im Ausland zugekauft werden müssen – zu ungünstigen Währungskursen?

Beispiel China: Die Gesetzgebung schränkt den Verkauf chinesischer Unternehmen stark ein, so dass das sogenannte Inbound M&A benachteiligt wird. Regionalfürsten, die Übernahmen willkürlich verhindern, tun ein Übriges. Ausländische Investoren meiden den chinesischen M&A-Markt aber auch aus Sorge um Kopisten. Das Ergebnis ist eine ungesunde Asymmetrie zwischen dem boomenden „Outbound M&A“-Markt aus China heraus und dem seit Jahren dahin siechenden „Inbound M&A-Markt“ nach China hinein.

Der indische M&A-Markt krankt indessen an anderer Stelle: Hier sind die Übernahme-Hürden durch das nationale Schutzrechte sehr hoch. Wenn ein Ausländer beispielsweise eine indische Gesellschaft kauft, können die Rechte zum Vertrieb der Produkte im Inland eingeschränkt werden.

Niedrige Umweltstandards, Kinderarbeit oder soziale Benachteiligungen durch zu niedrige Löhne wirken gleichfalls als Barrieren. Anstatt sich selbst die Hände schmutzig zu machen, lassen westliche Unternehmen ihre Waren lieber durch nationale Lohnfertiger produzieren, für die sie dann zumindest keine unmittelbare Verantwortung tragen.

Überempfindlichkeit oder sinnvolle Zurückhaltung?

M&A ist ein hochsensibler Indikator für gesunde Volkswirtschaften. Investoren sind kritisch bei der Standortwahl, und sie haben allen Grund dazu. Der Druck, dem ausländische Investoren ausgesetzt sind, ist höher als bei einheimischen Unternehmern. Einem reichen Ausländer, insbesondere wenn es ein internationaler Konzern ist, greift man eher in die Taschen als dem nationalen Champion. Und erst recht eher als dem Duzfreund oder Nachbarn.

Leider sind an vielen Orten weltweit die Hürden hoch und die Übernahmeaktivitäten entsprechend dünn gestreut. Statt sich abzuschirmen sollten Staaten das sensible Barometer M&A lieber als Chance begreifen: Wer internationale Unternehmen ins Land bittet, der kann sie auch in die Pflicht nehmen und so höhere Sozial- und Umweltstandards durchsetzen. Eine Globalisierung ambitionierter Standards käme auch der eigenen Bevölkerung und Wirtschaft zugute.