Industrie 4.0: langfristiger Treiber für Mergers & Acquisitions?

Vom 07.11.2016

Der Welt-M&A-Markt ist derzeit etwas schwach aufgestellt und seit 2015 zurückgegangen. Die längerfristigen Perspektiven sind jedoch wieder positiv.

Rekordjahr: 2015 gab es weltweit so viele M&A-Deals wie noch nie. (Foto: Getty Images)

Rekordjahr: 2015 gab es weltweit so viele M&A-Deals wie noch nie. (Foto: Getty Images)

Der Welt-M&A-Markt ist derzeit etwas schwach aufgestellt. So ist er im dritten Quartal 2016 gegenüber dem Spitzenjahr 2015 deutlich zurückgegangen. Mit einem Stand von 660 Milliarden US-Dollar hat der M&A-Weltmarkt gemäß Thomson Financial im Vergleich zum vergangenen Quartal rund 16 Prozent, und im Vergleich zum Vorjahr 37 Prozent abgegeben.

Dabei ist das Transaktionsvolumen in Europa mit 127 Milliarden US-Dollar um 2 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal und sogar um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal eingebrochen; der US-Markt um 14 Prozent und im Vergleich zu 2015 um 34 Prozent. Der asiatische Raum behauptete sich zwar mit 148 Milliarden US-Dollar wieder als zweitgrößter M&A-Markt, verzeichnete aber einen Rückgang von 21 Prozent gegenüber dem Vor-Quartal und um 18 Prozent im Vorjahresvergleich.

Die längerfristigen Perspektiven sind jedoch wieder positiv. Die Europäische Zentralbank geht weiterhin davon aus, dass sich die wirtschaftliche Erholung der EU fortsetzen wird, gestützt durch niedrige Ölpreise, verbesserte Arbeitsmarktbedingungen und eine lockere Finanzpolitik.

Auch das Bild der USA hellt sich im weiteren Horizont auf. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sah das dortige Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal unterhalb der Erwartungen, rechnet 2016 mit einem Wachstum von 1,6 Prozent und 2017 sogar mit 2,2 Prozent.

In China werden nach dem aktuellen 13. Fünf-Jahres-Plan die Wachstumsraten um 0,5 Prozent auf 6,5 Prozent verringert. Der IWF sieht für die Volksrepublik aktuell ein Wachstum von 6,6 Prozent und 6,2 Prozent für die Jahre 2016 und 2017. Zur Stärkung verfolgt China unter anderem eine offensive M&A-Politik. Gegenüber 2015 werden sich in diesem Jahr zum Beispiel die Übernahmen in Deutschland wert- und zahlenmäßig verdoppeln.

Big Data und Industrie 4.0 bestimmen den Weg

Zunächst verheißt dies Stabilität. Es ist weder ein Abschwung noch ein eindeutiger Aufschwung zu erwarten. Die größte branchenübergreifende Bewegung dürfte aus der aktuellen industriellen Umwälzung im Zuge von Big Data und Industrie 4.0 zu erwarten sein. Hier positionieren sich derzeit vor allem Deutschland, die USA und China, wo der Trend übrigens „Industrie 2025“ genannt wird. Dabei werden sich die Treiber von M&A grundsätzlich wandeln.

In der „aktuellen“ Industrie ist es noch die Globalisierung der Geschäfte, mit einer möglichst großen Breite von Regionalpräsenzen mit überkritischen Marktanteilen, die angestrebt werden. Dabei spielen „World Scale Factories“ eine Schlüsselrolle mit den damit verbundenen Kostendegressionen durch Volumeneffekte und dem frühzeitigen Erscheinen am Markt, um an der wirtschaftlich attraktivsten ersten Phase der Vermarktung teilhaben zu können.

Versand virtuelle Abbilder statt realer Produkte

Mit fortschreitender Umsetzung von Industrie 4.0 werden sich die Treiber des Geschäftes aber wandeln. Im Zentrum eines Unternehmens wird das sogenannte Ökosystem stehen: der Verbund aus eigenen Niederlassungen und einem Netzwerk an Partnerschaften.

Big Data und Analytics werden es ermöglichen, dass vor dem realen Produkt in der Entwicklung und in der Fertigung ein virtuelles Abbild geschaffen wird, das als Blaupause weltweit über die Cloud und das Internet an die Zielregion geschickt wird. Hier sind es vor allem kundennahe Mini-Fabriken, in denen das virtuelle Produkt in ein reales umgesetzt wird.

Dies kann dann in Losgröße 1 personalisiert sein. Das Angebot des Unternehmers in seinem Ökosystem wird vertikal sein, das heißt als Lösungsgeschäft, ergänzt um die Dienstleistungen um das eigentliche Produkt herum und als Lebenszyklusgeschäft einschließlich Rücknahme und Wiederaufbereitung. Dies kann nur in einem großen Netzwerk an strategischen Partnerschaften realisiert werden, abgesichert durch Beteiligungen, Joint Ventures und Unternehmensübernahmen.

M&A wird hierbei also eine Schlüsselrolle spielen. Dies wird in jeder Branche unterschiedlich verlaufen. Einige Branchen sind schon mittendrin, wie die Musikindustrie, einige Unternehmen, allen voran die Fabrikautomatisierer, sind in der Umsetzung. Die Lösungen werden sehr stark variieren. Keiner bleibt verschont. Wer nicht verdrängt werden will, muss sich damit auseinandersetzen.