Die letzte Chance für Paydirekt

Vom 16.08.2016

Seit Ende 2015 gibt es Paydirekt, den gemeinschaftlichen Bezahlservice deutscher Banken. Doch schon jetzt wird er totgesagt. Ist es wirklich so schlimm?

Steht es wirklich so schlecht um den neuen Bezahldienst? (Foto: Picture Alliance)

Steht es wirklich so schlecht um den neuen Bezahldienst? (Foto: Picture Alliance)

Im Moment regt sich die Payment-Branche geschlossen über dasselbe Thema auf: Paydirekt. Bei Twitter wird der Spott immer größer und die Kritik ist äußerst vernichtend. Erst kürzlich hat die Börsenzeitung einen Kommentar veröffentlicht, in dem sie Paydirekt scharf angeht.

Paydirekt ist ein relativ neues Bezahlverfahren für den Onlinehandel, hinter dem die großen deutschen Banken und Sparkassen stehen. Bisher haben die deutschen Kreditinstitute noch kein eigenes, überzeugendes Bezahlprodukt auf den Markt gebracht. Paydirekt sollte der deutsche Paypal-Killer werden.

Als Paydirekt angekündigt wurde, habe ich mich gefreut. Das Prinzip ist einfach und sicher: Man erstellt bei seiner Bank einen Account mit Nutzernamen und Passwort, wählt auf der Shop-Seite Paydirekt als Zahlungsart, loggt sich mit seinen Zugangsdaten ein und kann den Kauf sofort per Onlineüberweisung abschließen.

Nutzerseitig ein bisschen wie Paypal mit Onlinebanking, wobei Paydirekt eher dem niederländischen Erfolgsprodukt Ideal ähnelt, das ebenfalls von den großen Banken gemacht wurde und heute die meistgenutzte Zahlungsart in den Niederlanden ist.

Ich fand schon immer, dass sich die Deutschen nicht von US-amerikanischen Größen wie Paypal oder den Kreditkartenfirmen die Butter vom Brot nehmen lassen sollten. Jetzt endlich kommt das große Ding, dachte ich, ein deutsches Gemeinschaftsprojekt, das sicheres und einfaches Bezahlen ermöglicht.

Viel Werbung, aber der Mehrwert bleibt dem Nutzer unklar

Gerade einmal wenige Monate alt, wird von Medien und Branchenexperten bereits der Abgesang auf Paydirekt angestimmt. Anlass war unter anderem eine Erfolgsmeldung der Sparkassen, man verzeichne bei Paydirekt inzwischen 450 Transaktionen pro Woche. Zum Vergleich: PayPal schleust 270 Transaktionen durch die Leitungen – pro Sekunde. Der Spott, der sich daraufhin über Paydirekt ergoss, ist nachvollziehbar, aber Paypal wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Ich habe aus Interesse in meinem Bekannten- und Familienkreis herumgefragt: Immerhin fünf von zehn Leuten war Paydirekt ein Begriff. Das ist schon eine Leistung! Und dürfte vor allem an der massiven Marketingwelle liegen, die Paydirekt seinen potentiellen Kunden vor die Füße gespült hat. Sei es an Bankautomaten, auf Plakaten oder in der TV-Werbung – um den Endverbraucher mit Paydirekt bekannt zu machen, hat das Unternehmen keine Kosten und Mühen gescheut.

50 Millionen Girokontoinhaber sind ja auch eine nette Kundenbasis. Außerdem haben die Banken beim Endkunden bereits eine seriöse Reputation. Allerdings bleibt in der Werbung der Mehrwert für den Nutzer unklar. Der deutsche Internet-Shopper kann schon jetzt aus vielen verschiedenen Zahlungsarten wählen – nur zu sagen, dass es jetzt eine weitere gibt, reicht nicht aus.

Hier müssen extra Features her wie zum Beispiel Rabatte oder ein automatischer Ratenkauf. Die bisherigen Argumente von Paydirekt, etwa die Datensicherheit, werden den deutschen Endkunden nicht dazu bringen, seine bisherigen Zahlungsvorlieben plötzlich aufzugeben.

„Paydirekt hat uns noch nicht angesprochen“

Das eigentliche Problem von Paydirekt ist aber nicht der Endverbraucher. Meiner Meinung nach hat sich Paydirekt in ein klassisches Henne-Ei-Problem verstrickt. Denn während die Marketingmaschine gegenüber dem Endverbraucher anlief, waren noch nicht genug große Händler mit an Bord, sodass bis heute nur wenige Endkunden registriert sind. Es mutet eher seltsam an, wenn Shops wie blockfloetenshop.de oder auspuffonline24.de die neue Zahlungsmöglichkeit Paydirekt kundtun. Große Händler sind, bis vielleicht auf Alternate, bei Paydirekt nach wie vor Fehlanzeige.

Der Händlervertrieb von Paydirekt ist wirklich schlecht gelaufen. Mit den unterschiedlichen Banken und Sparkassen sitzen zu viele Parteien an einem Tisch, die sich nicht auf einheitliche Vertriebsstrukturen einigen können. Daran wird es liegen, dass sogar viele große Shops bis heute noch gar nicht von Paydirekt kontaktiert wurden, wie etwa Thomas Ficht von Idealo, mit dem ich mich zum Thema ausgetauscht habe.

Er sagt: „Wir möchten unseren Kunden gern eine Alternative zu den etablierten und zum Teil sehr hochpreisigen Zahlungsarten anbieten. Wir sehen auf jeden Fall Bedarf für eine deutsche Bezahlalternative, die von der Bankenlandschaft getragen wird. Außerdem besteht bei vielen Händlern eine Art Hassliebe gegenüber Diensten wie Paypal oder auch Amazon, deren Marktmacht man fürchtet, die man aber nicht ignorieren kann. Bis heute wurden wir aber noch nicht von Paydirekt angesprochen.“ Das kann mein Vertrieblerherz nicht verstehen!

Auch Christoph Kizler von Flixbus habe ich um seine Meinung gebeten, und auch er sieht Paydirekt grundsätzlich positiv: „Paydirekt ist eine gute Idee und hat uns persönlich bei einem Testkauf gut gefallen, vor allem die einfache und sichere Art und Weise der Bezahlung.“ Jedoch monieren beide Händler die Komplexität der Anbindung. Denn ein Händler muss derzeit, man höre und staune, bis zu acht verschiedene Verträge mit den unterschiedlichen Parteien zu verhandeln, um Paydirekt überhaupt anbieten zu können. Das liegt laut Paydirekt am Kartellamt, das liegt laut mir an zu vielen Köchen, die ihr eigenes Süppchen kochen und sich nicht geschlossen hinter das Produkt stellen.

Deutsche Kreditinstitute haben den Start von Paydirekt vermasselt

Christoph Kizler fasst es zusammen: „Eine echte Alternative zu den gängigen, etablierten Bezahlverfahren stellt Paydirekt allerdings derzeit noch nicht dar. Für Onlinehändler ist es bei dem aktuellen Entwicklungsstand insbesondere durch den Integrations- und Verhandlungsaufwand, für den Kunden durch die geringe Abdeckung noch nicht attraktiv.“ Und Idealo-Mann Torsten Ficht kommentiert: „Preislich scheint Paydirekt nicht sehr attraktiv zu sein; über die Komplexität der technischen Einbindung habe ich keine Vorstellung. Die publizierten Transaktionszahlen bestätigen mich in meinen Befürchtungen.“

Es ist nicht so, als hätten wir den Kollegen von Paydirekt keine Hand gereicht, um ihnen beim Austausch mit den Händlern im Sinne einer besseren Anbindungsrate und Produktgestaltung zu helfen. Mit einigen Branchenkollegen veranstalte ich die „Payment Exchange“, im Januar hatten wir über 70 große deutsche Onlinehändler, die daran teilgenommen haben. Die ganze Payment-Branche trifft sich. Die ganze Branche – außer Paydirekt. Unserer Einladung ist das Unternehmen nicht gefolgt und konnte sich zum Beispiel nicht mit Felix Jahn, dem E-Commerce-Kollegen von Puma, unterhalten: „Was Paydirekt betrifft, sind uns die Konditionsverhandlungen mit jeder einzelnen Bank schlicht zu mühsam.“

Ein Hoffnungsschimmer könnten die „Händlerkonzentratoren“ sein, die es seit zwei Monaten gibt. Sie dürfen die Verträge im Namen des Shop-Betreibers aushandeln. Ein solcher Konzentrator ist der Payment Service Provider Concardis, dessen „Vice President E-Commerce“ Christoph Jung die Wissensstände von Paydirekt bemängelt: „Wir stellen immer wieder fest, dass selbst große Onlinehändler zu Paydirekt noch nicht optimal informiert sind. Die vordergründige Notwendigkeit, Einzelverträge mit den beteiligten Banken und Sparkassen zu schließen, schreckt viele Händler ab. Dass es jetzt andere Lösungen gibt, ist den wenigsten bekannt.“

Ich hoffe weiterhin auf den Erfolg von Paydirekt, es wäre eine Bereicherung für den deutschen Onlinehandel. Außerdem ist es sinnvoll, wenn sich die deutschen Händler nicht von einigen großen, internationalen Playern abhängig machen, deren Konditionen und Ambitionen oft fragwürdig sind. Liebe Kollegen von Paydirekt, bitte setzt euch noch einmal an einen Tisch, um einheitliche Richtlinien, Konditionen und Verträge zu vereinbaren. Bitte nehmt endlich die Händler mit ins Boot. Bitte gebt euch mehr Mühe, es ist eure letzte Chance.