Warum man in Russland Geschäfte machen sollte

Vom 24.11.2015

Die Welt ist voller Klischees über russische Businessgepflogenheiten. Davon stimmt praktisch nichts. Dafür gilt: Ehre ist Zwang genug.

Blick auf den Kreml (Foto: dpa)

Blick auf den Kreml (Foto: dpa)

In der Geschichte haben wirtschaftliche Beziehungen häufig den Beginn politischer Veränderungen markiert. Am Anfang vom Ende des Kalten Krieges in Deutschland und Europa, noch vor der offiziellen Ostpolitik, standen Handelskontakte zwischen westlichen Ländern und denen des Warschauer Paktes. Daran sollte man immer denken, wenn heute eilfertig und mit moralistischer Selbstgerechtigkeit Wirtschaftsaustausch boykottiert wird.

Oft genug liegt den Anwürfen ein kräftiges, aber dennoch nicht zutreffendes Bild der Verhältnisse zugrunde. Das betrifft zum Beispiel Ungarn. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik kommt zu dem Ergebnis, dass Ungarn auch heute ein freiheitlicher und demokratischer Rechtsstaat ist, in dem weder die Presse zensiert wird, noch die Regierung Orban den Antisemitismus fördert. Ministerpräsident Viktor Orban steht dennoch europaweit im Kreuzfeuer der Kritik. Tatsächlich stimmt von den Vorwürfen gegen ihn „fast nichts“, wie Klaus von Dohnanyi, der Vorsitzende der Gesellschaft und frühere sozialdemokratische Bürgermeister von Hamburg, festgestellt hat.

Er fügte hinzu: „Das Beispiel Ungarn und Viktor Orban zeigt, wie die ganze öffentliche Meinung verseucht wurde.“ Um das Medienbild von Russlands Präsident Wladimir Putin steht es in Deutschland kaum besser, auch wenn es Europa nach dem Pariser Massaker schwant, welch ein Fehler es war, den Staatschef den größten Landes der Erde, das weit über zwei Kontinente reicht, aus der internationalen Politik auszubooten.

Produktion immer internationaler

Das sind meine einfachen Gedanken eines mittelständischen Familienunternehmers. Unsere Firma OBO Bettermann gibt es seit 104 Jahren. Wir sind ein Industrieunternehmen für Elektroinstallationstechnik und erreichen gerade eine neue Stufe unserer Entwicklung. Längst sind wir in den wichtigsten Wirtschaftsländern der Welt mit unserem Vertrieb vertreten, aber nun wird auch unsere Produktion immer internationaler. Ungarn mit heute 1.000 von insgesamt 3.600 Mitarbeitern ist für uns seit über einem Jahrzehnt bereits ein ebenso wichtiger Standort wie Deutschland. Im nächsten Jahr werden wir auch in Russland ein Werk betreiben. Es wird gerade in einer ersten Ausbaustufe errichtet für 150 Mitarbeiter in Lipetsk, 450 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen. Das deutsche Mittelständler OBO Bettermann verfügt dann über Standorte in acht Ländern.

Mitten in der Ukraine-Krise zwischen Russland, Deutschland und der Europäischen Union haben wir konsequent an unserem russischen Investment festgehalten, auch als einige westliche Wirtschaftsgrößen Bedenken zur Schau trugen. Immer noch werde ich gefragt, ob ein solches Engagement gerade für einen Mittelständler nicht ein zu großes Risiko darstelle. Für mich ist Russland ein normales Land, weil ich es nicht an den Kriterien überheblicher Besserwisserei messe.

Echte Ernsthaftigkeit

Auch in Russland beginnt und entwickeln sich Wirtschaft und Geschäft wie in anderen Ländern. Es ist allerdings ein Terrain mit charakteristischer Vielfalt – vielfältiger als sich manches Multi-Kulti-Gemüt hierzulande träumen lässt. Es gibt ein strukturiertes Umfeld, ein geordnetes Gesundheitssystem und gute Kunden. Die Russen wollen auf dem Level globaler Technologiestandards Qualitätsprodukte, die sie verständlicherweise nicht nur importiert, sondern auch in ihrem Land gefertigt sehen möchten. Das war ein wesentlicher Grund für uns zu sagen: Go Russia!

Wer in Russland Geschäfte machen will, der muss sich daran gewöhnen, dass die Leute dort nicht ununterbrochen grinsende Gesichter machen oder wie fleischgewordene Smileys durch die Gegen laufen, was ja auch bei uns mal als grenzdebil galt. Mit Unfreundlichkeit hat solche Beherrschung der Gesichtsmuskulatur aber nichts zu tun. In Russland lernt man wieder eine Ernsthaftigkeit kennen, die manchem ach so munteren Westmanager mit selbst auferlegtem Burnout-Syndrom den nächsten Depressionsschub gibt. Das legt sich wieder, wenn man weiß, dass in Russland der Grundsatz gilt: „Es dauert lange, ein Pferd für einen weiten Ritt zu satteln, aber dann rennt es schnell.“

Nicht vergessen werden darf, dass es das russische Wirtschaftssystem, auch seine immer noch vorhandenen Fehler und Unzulänglichkeiten, erst seit zwanzig Jahren gibt. Die weit verbreitete Auffassung, in Russland lasse sich selbst das kleinste Geschäft nicht ohne staatlich-politische Anbahnung und Abwicklung machen, der irrt. Wenn es nicht um öffentliche Aufträge geht, hat man in Russland mit staatlicher Bürokratie wenig zu tun, jedenfalls nicht mehr als in Deutschland. Der persönliche Kontakt ist zudem wichtiger als in anderen Ländern. Denn es gibt sie noch, die russische Seele. Sie schätzt Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit mehr als den letzten Preisnachlass und erinnert manchmal an den guten alten Grundsatz der deutschen Hanse: Ehre ist Zwang genug.