Weltweites Finanzsystem – Crashgefahr?

Vom 05.12.2016

China, Italien, Großbritannien, Türkei... Weltweit herrscht großer Druck auf den nationalen Börsen. Steht das Finanzsystem vor dem Kollaps?

Wartet der nächste Finanzkollaps schon auf uns? (Foto: Getty Images)

Wartet der nächste Finanzkollaps schon auf uns? (Foto: Getty Images)

Ein schönes Bild prägt dabei die Deutsche Bank – sie vergleicht die weltweiten Notenbanker mit Tellerdrehern aus dem Zirkus: Sie müssten zwischen den Tellern hin und her rennen und sie immer schneller drehen, um zu verhindern, dass sie abstürzen. Etwas kurios ist, dies zu lesen, wird doch die Deutsche Bank selbst noch immer als riesengroßer Hedgefonds am Markt betrachtet, der jüngst für ausgesprochen systemrelevant gehalten wurde.

Doch schauen wir uns an, was die Banker meinen: „Bis zu diesem Jahr waren wir zuversichtlich, dass sie (die Notenbanken) diese Kunst auf absehbare Zeit weiterbetreiben konnten und infolgedessen die Preise von Vermögenswerten oben halten können. Wir haben akzeptiert, dass diese Politik nicht förderlich war für das Wirtschaftswachstum und Reformen sowie eine kreative Zerstörung verhindert hat, aber kurzfristig positiv war für die meisten Vermögenswerte, deren Bewertung auf die eine oder andere Art an der Geldpolitik hängt“, schrieben die Analysten.

Welche Verwerfungen ein solches Vorgehen mit sich bringt, zeigt die Bewertung von US-Aktien aufgrund langer Alternativlosigkeit der Anlage: So liegt beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P500 mit 17 weit über dem langjährigen Durchschnitt von 11 bis 12, was dem langjährigen Gewinnwachstum entsprach.

Problem – Niedrigzins

„Der Bankensektor – besonders in Europa und Japan – ist durch Strafzinsen und eine flachere Zinsstrukturkurve erheblich belastet worden. Wenn der Sektor gesünder wäre, könnte er einen solchen Angriff auf seine Profitabilität verkraften, aber angesichts seiner zugrundeliegende Schwäche und wegen des Bedarfs, eine bessere Abwehr für die Regulierung zu bilden, hat die Geldpolitik begonnen, erheblich negativ zu wirken. Angesichts der Tatsache, wie wichtig Banken für die Wirtschaft insgesamt sind, war es keine Win-Win-Situation mehr, als die Notenbanken die Geldpolitik weiter gelockert haben“, so die Finanzprofis.

Doch gibt es Hoffnung?

Je weiter die EZB die Zinsen in den Strafzinsbereich gedrückt hat, umso stärker sind die Zinsmargen der Banken dahingeschmolzen, weshalb die Aktienkurse vieler Institute eingebrochen sind. Der jüngste Zinsanstieg seit September dürfte daher für ein wenig Erleichterung bei etlichen Banken gesorgt haben, zumal sich die Aktien stark erholt haben.

Der Weg der Geldpolitik wird zunehmend komplizierter, so sehen es Analysten. Man sieht die EZB nicht noch expansiver unterwegs, doch es reicht schon so. So druckt die EZB 80 Milliarden Euro pro Monat – also knapp eine Billion Euro pro Jahr – und kauft damit Staatsanleihen und andere Papiere, um so die Zinsen unten zu halten. Immerhin – laut den Analysten der Deutschen Bank könnten die Rekordtiefs vom September bei den Zinsen das Tief für diesen Zyklus gewesen sein und sie in den nächsten Monaten allmählich steigen.

Dennoch warnt man: „Das weltweite Finanzsystem ist kaputt und extrem fragil. Die Trends einer langanhaltenden Stagnation sind überall sichtbar. Die Welt hat für das derzeitige Wirtschaftswachstum einen zu hohen Schuldenberg.“ „Schuldenwachstum war seit Jahrzehnten der Antriebsmotor für das Wirtschaftswachstum“ schrieb Richard Duncan. Er war 1986 als Aktienanalyst gestartet und wurde später Investmentstratege bei ABN Amro. Anschließend arbeitete er als Finanzspezialist bei der Weltbank in Washington und später als Berater des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Thailand während der Asienkrise. Derzeit ist er Chefvolkswirt bei Blackhorse Asset Management in Singapur.

„Die weltweiten Schulden sind seit 1960 mit einer unfassbaren Rate gestiegen und nähern sich nun (umgerechnet) 300 Billionen Dollar“, schrieb der Experte. Das ist ein gewaltiger Anstieg, nachdem der Wert vor der 2008er-Schuldenkrise noch bei rund 200 Billionen gelegen hatte.

In diesem Schuldensystem müssen die Schulden immer stark steigen, ansonsten schwächt sich das Wirtschaftswachstum stark ab und es kommt zu einer Stagnation der Wirtschaft.

Deutsche Bank schlägt kreative Zerstörung vor

„Wir wären wesentlich zuversichtlicher, wenn die Welt eine Phase der kreativen Zerstörung durchlaufen würde, wo ineffiziente Zombie-Schulden erlassen werden würden – womit das Verhältnis zwischen den Schulden und der Wirtschaftsleistung auf das richtige Niveau angepasst werden würde. Dennoch haben wir schon lange eingesehen, dass das äußert unwahrscheinlich ist, mit Ausnahme eines möglichen Auseinanderbrechens des Euro“, schrieben die Analysten der Deutschen Bank. „Die Schulden sind zu systemisch, als dass die Notenbanken zulassen könnten, dass es zu einem Zahlungsausfall kommt, ohne dass das einen großen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum hätte, der leicht zu einer Depression führen könnte“, so die Finanzprofis.

Mit anderen Worten – das System an sich ist too big to fail und deshalb wird man es nicht zulassen, dass es kippt. Denn die Notenbanken haben die Macht und werden weitere Kollateralschäden billigend in Kauf nehmen. Traurig, aber wahr.