Das neue Bezahlen kommt aus China

Vom 02.12.2016

Unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit wächst in China mächtige Konkurrenz für hiesige Finanzdienstleister heran. Nun wollen die fernöstlichen Firmen auch Europa erobern.

Bargeldloses, mobiles Bezahlen ist in China weit verbreitet. (Foto: Getty Images)

Bargeldloses, mobiles Bezahlen ist in China weit verbreitet. (Foto: Getty Images)

Während Banken und Finanzdienstleister hierzulande auf die Konkurrenz aus Amerika blicken und insbesondere die Aktivitäten von Apple, Google, Facebook und Paypal wachsam beobachten, wachsen in Fernost weitaus größere und mächtigere Wettbewerber heran. Die Öffentlichkeit bekommt davon noch nicht viel mit, aber sie könnten in kurzer Zeit auch für uns Nutzer in Europa relevant werden.

Da gibt es einmal das zur Messaging-App WeChat gehörende WeChat Pay. WeChat ist die chinesische Version von WhatsApp, mit 700 Millionen Nutzern und der Möglichkeit, außer Nachrichten auch Geld zu versenden. Von der Option, Geld zu transferieren, sind westliche Messenger noch weit entfernt, auch wenn Facebook seit letzter Woche mit einer entsprechenden Lizenz ausgestattet ist.

In der chinesischen Neujahrsnacht haben WeChats Nutzer in 8,08 Milliarden Transaktionen Geld über WeChat versendet. PayPal brachte es im gesamten Jahr 2015 auf 4,9 Milliarden Transaktionen – halb so viele wie WeChat in einer einzigen Nacht.

Allerdings ist WeChat-Pay nur der zweitgrößte Payment-Anbieter in China. Der Marktführer heißt Alipay und macht vor, wie kundenfreundliche Bezahlsysteme in Zukunft aussehen könnten.

Das mächtige Ökosystem von Jack Ma

Alipay bezeichnet sich selbst als „größte bankenunabhängige Plattform der Welt“. Die Zahl seiner aktiven Nutzer beziffert das Unternehmen auf 450 Millionen. Diese Masse an Kunden bringt ein jährliches Transaktionsvolumen von 800 Milliarden Euro. PayPal setzt ein Drittel dieser Summe um.

Mutter von Alipay ist das Finanzkonglomerat Ant Financial, dass sich durch diverse Zukäufe mit äußerst lukrativen Geschäftsmodellen zur globalen Finanzmacht entwickelt hat. In China ist Ant Financial, vor allem dank Alipay, in 80 Prozent aller mobilen Zahlungen und immerhin noch in 60 Prozent aller Online-Payments verwickelt.

Die hohe Zahl an Nutzern verdankt Alipay vor allem seinem Dasein als Payment-Arm der Shopping-Plattform Alibaba. Alibaba ist eine Art chinesisches Amazon. Es wurde 1999 vom ehemaligen Englischlehrer und inzwischen reichsten Chinesen Jack Ma gegründet, der auch Ant Financial vorsteht.

Alipay ist viel mehr als eine Payment-App

Wer meint, es handele sich bei Alipay um eine reine Bezahlplattform, wie etwa Paypal oder Apple Pay, der irrt. Zwar wurde Alipay 2014 als Zahlungsdienst unter dem Dach einer Handelsmarke gestartet und gleicht damit Paypal, das früh von Ebay gekauft wurde. Doch während Paypal weiterhin „nur“ als Zahlungsmethode gilt, hat Alipay ein weitaus größeres Bild entworfen und bietet seinen Nutzern umfangreichen Mehrwert.

Alipay ist aus dem Alltag seiner Kunden nicht mehr wegzudenken. Das betrifft einmal finanzielle Services aller Art. Wie ein kurzes Video von Alipay demonstriert, können Nutzer der Alipay-App Geld überweisen, Rechnungen und Einkäufe bezahlen, Restaurant-Rechnungen splitten, Geld anlegen, Geld investieren, die Aktienmärkte beobachten und vieles mehr.

Doch das ist längst nicht alles. Alipay bezeichnet sich heute als „Global Lifestyle Super App“, und das nicht ohne Grund. Mit Alipay bezahle ich mein Taxi – rufe es aber auch. Wenn ich mit dem Zug fahren will, buche ich in der Alipay-App die Verbindung und bezahle anschließend das Ticket. Auch mein Hotelzimmer kann ich über Alipay sowohl bezahlen als auch reservieren.

Hat der Nutzer der Alipay-App die Lokalisierungsdienste auf seinem Smartphone aktiviert, werden ihm Geschäfte, Hotels und Restaurants in seiner Nähe angezeigt, in denen Alipay akzeptiert wird. Die meisten Händler sind an Alipay angeschlossen und können ihren Kunden über die Alipay-App zum Beispiel spezielle Rabatte einräumen oder Marketingmaßnahmen schalten. Somit ist die App ein Gewinn nicht nur für die Nutzer, sondern auch für den Handel.

Jetzt auch in Europa: Bezahlen auf Chinesisch

Die Zeiten, in denen es Alipay nur in Asien gibt, sind seit dem letzten Frühjahr vorbei. Das erste europäische Land, in dem Alipay eingeführt wurde, ist, man höre und staune, Deutschland! Das verdanken wir der Tatsache, dass Deutschland Top-Reiseziel chinesischer Touristen in Europa ist.

Denn auch hier richtet sich Alipay bisher nur an Chinesen. Eine Million chinesischer Touristen gab letztes Jahr jeweils rund 4.700 Euro in Deutschland aus. Wirecard, Zahlungsabwickler von Alipay in Deutschland, ließ vor einigen Tagen wissen, dass ein chinesischer Tourist im Schnitt 500 Euro pro Einkauf ausgibt, während der durchschnittliche Kunde nur zwischen 60 und 70 Euro im Laden lässt.

Ein Umsatzpotential, das sich kein Händler entgehen lassen möchte. Laut Concardis, einem weiteren Zahlungsabwickler von Alipay, interessieren sich vor allem Händler mit höherpreisigen Produkten für Alipay und wollen den Bezahldienst anbieten oder tun es bereits.

Je vertrauter der Zahlungsprozess, desto lockerer sitzt die digitale Geldbörse – diese Rechnung scheint aufzugehen. Deutsche Händler mit Alipay berichten über deutliche Umsatzsteigerungen, seit der chinesische Kunde mit Alipay und nicht mehr mit 500-Euro-Scheinen zahlt.

Westliche Finanzdienstleister, zieht euch warm an

Die Bedingungen für Wallet-Anbieter in China sind besser als in Europa oder Amerika. Zwei Drittel des Gesamtumsatzes im chinesischen Online-Geschäft werden bereits von mobilen Endgeräten aus getätigt. Das stationäre Web gibt es in China so gut wie gar nicht mehr.

Junge Chinesen sind am liebsten auf nur einer einzigen Plattform unterwegs, um von dort aus viele Dinge auf einmal zu erledigen. Sich für Geldtransaktionen extra auf die Online-Banking-Seite seiner Bank zu bewegen, ist für Chinesen immer weniger sinnvoll. Für das klassische Bankwesen könnte das das Aus bedeuten.

Und zwar nicht nur in China. Die Ambitionen von Alipay beschränken sich längst nicht mehr nur auf Asien. Die Sprecherin von Alipay lässt sich mit der Aussage zitieren, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren Nutzer auf der ganzen Welt mit Finanzdienstleistungen versorgen will. Wenn nicht spätestens das für Nervosität unter den heimischen Geldinstituten sorgt, dann weiß ich es auch nicht …