Die digitale Revolution gibt es nicht

Vom 23.09.2016

Unternehmen stehen durch die Digitalisierung vor einem enormen Umbruch. Diesen Satz lese ich immer wieder – er stimmt deshalb aber noch lange nicht.

Fortschritt ist nicht gleich Revolution. Überrascht? (Foto: Getty Images)

Fortschritt ist nicht gleich Revolution. Überrascht? (Foto: Getty Images)

Die meisten Digital-Ideologen zitieren Uber und Airbnb als digitale Revoluzzer. Andere sprechen von „den Fintechs“, die disruptiv die Old Banking Economy ins Wanken bringen. Viel konkreter wird es nicht. Den abrupten, strukturellen Wandel eines oder mehrerer Systeme, wie es der Revolutionsbegriff erfordert, kann ich jedenfalls nicht erkennen.

Uber und Airbnb haben auch Jahre nach ihrem Launch keinen besonders großen Anteil am Bruttoinlandsprodukt für Taxifahrten und Hotelübernachtungen. Das Fintech Number26 heißt jetzt zwar N26 und hat eine Banklizenz. Aber Geld übermittelt der Standardbankkunde immer noch mehrheitlich per Überweisung und Lastschrift.

Keine Spur von digitaler Revolution

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: Es gibt weit und breit keinen Technologiesprung, der zu einer absolut herausragenden Veränderungsdynamik führt. 3D-Drucker werden nicht die Massenproduktion ersetzen.

Selbstfahrende Autos sind noch Zukunftsmusik, und künstliche Intelligenz und Robotertechnik werden nicht dafür sorgen, dass tausende Menschen ihren Job verlieren. Alles sind tolle Erfindungen. Jede für sich wird einzelne Bereiche der Arbeits- und Geschäftswelt verändern – Haken dran. Aber die großen Produktivitätsschübe oder gar gesellschaftliche Verwerfungen werden sie nicht auslösen.

In den USA lag der Anteil junger Unternehmen 1978 bei rund 15 Prozent. Im Jahr 2011 waren es etwas mehr als acht Prozent. Wir sind also weit entfernt davon, dass junge Startups etablierte Firmen im Schnelldurchgang verdrängen, weil sie neue Techniken kreativer einsetzen.

Ketzerisch könnte ich hergehen und sagen: Diese ganze digitale Suppe haben uns die großen IT-Anbieter und IT-Beratungshäuser eingebrockt, um im zweiten Schritt ihre Dienste beim Auslöffeln derselben anzubieten. Und ein bisschen Wahrheit steckt sicherlich in dem Gedanken.

Der Hype um die Digitalisierung sorgt für große Verunsicherung in den Chefetagen. Und wer unsicher ist, holt sich gerne Rat von denen, die sich auskennen und fertige digitale Lösungen im Gepäck haben. Auf das Potenzial neuer Technologien hinzuweisen, ist auch richtig und gut so. Aber deshalb gleich die digitale Revolution auszurufen, entspricht einfach nicht der Wirklichkeit.

Die richtigen Dinge tun, statt irgendwas

Abseits vom Hype um das Thema Digitalisierung bleibt schlicht eine laufende Veränderung durch technischen Fortschritt. Den Hunger nach Daten gibt es schon seit Einführung der Lochkarten bei der US-amerikanischen Volkszählung 1890. Das Internet kennen wir gefühlte Ewigkeiten, und die Verbreitung des Mobilfunks ist ebenfalls Jahrzehnte her.

Die Empfehlung an die CEOs und Unternehmer lautet deshalb: Weg mit der Ideologie! Betrachten Sie das Thema Digitalisierung als Evolution, nicht als Revolution. Digitalisierung ist ein Veränderungsprozess, der nicht vom Himmel fällt.

Das Rad und die Arbeit werden durch mehr Rechenleistung, Big Data und Social Media nicht auf einen Schlag neu erfunden. Stattdessen erleben wir die sukzessive Weiterentwicklung von Technologie: höhere Leistungsfähigkeit von Chips, größere Bandbreiten in Festnetz und Mobilfunk – mehr nicht.

Für Mittelständler wie Konzernentscheider besteht deshalb kein Grund, auf Biegen und Brechen dem Digitalisierungshype zu verfallen. Es genügt, bewährt reflektiert an die Sache heranzugehen, wie das bei anderen Veränderungsprozessen wie dem globalen Zusammenwachsen der Märkte und aufstrebenden neuen Wettbewerbern auch üblich ist.

„Digital ist nicht einfach besser”

Unternehmen sollten beispielsweise jede neue App, jede Investition in ein Data Lab auf ihre Alltagsrelevanz und ihren wirtschaftlichen Nutzen hin prüfen. Die Einführung neuer Technologie sollte immer den Kriterien „Erwünschtheit“, „Umsetzbarkeit“ und „Wirtschaftlichkeit“ standhalten. Und der Frage: Habe ich überhaupt die notwendigen Kompetenzen im Haus, um den gewünschten Nutzen zu erzeugen?

Zukunftsforscher Matthias Horx bringt es auf den Punkt: „Digital ist nicht einfach besser“. Die Frage ist, was kann digitale Technik beisteuern, um das Leben der Kunden leichter und angenehmer zu machen sowie das der Unternehmen effizienter und profitabler?

Wenn die Deutsche Bank Robo Advisory für das Massengeschäft einführt, macht sie das, weil dahinter ein durchgerechneter Business Plan steckt. Das Ziel lautet: mit Automatisierung zurück in die Gewinnzone im Segment Vermögensverwaltung für private Bankkunden und nicht cooler sein als die Fintechs.

Die Kunst besteht also darin, Digitalisierung als Instrument zu sehen und es für seine Zwecke richtig einzusetzen. Und wenn am Ende einer gründlichen Analyse und einer nüchternen Einschätzung als erfahrener Unternehmenslenker das Ergebnis steht: Digital bringt uns an dieser konkreten Stelle nicht weiter, dann sollte man auch einer anderen Lösung eine Chance geben.

Lieber das Richtige tun als einfach irgendwas. Relevanz kommt vor Coolness.