Digitalisierung hat keinen Rollout-Termin

Vom 04.01.2017

Viele Manager verwechseln Digitalisierung mit der Umstellung auf eine neue Software und schätzt: In fünf Jahren sind wir damit durch. Das wird mitnichten der Fall sein.

Manager und Digitalisierung: Viele Hausaufgaben sind noch nicht erledigt. (Foto: Getty Images)

Manager und Digitalisierung: Viele Hausaufgaben sind noch nicht erledigt. (Foto: Getty Images)

Digitalisierung lässt sich nicht einfach in ein Projekt stopfen, in Milestones unterteilen und dann Stück für Stück abarbeiten. Autor Gunter Dueck bringt es in einem Text auf den Punkt: Er entlarvt die Denke von Unternehmen, indem er ihnen zeigt, sie hätten selbst den Sinn einer SAP-Einführung nicht richtig verstanden.

Die ist nämlich auch nicht dazu gedacht, einfach die bestehenden Prozesse und Geschäftsmodelle zu nehmen, in eine neuartige Software aus Walldorf zu pressen und danach so weiterzumachen wir bislang. Doch genauso sind viele SAP-Einführungen abgelaufen.

Und genau dieser falsche Denkansatz lässt sich aus den Aussagen in Entscheiderumfragen zur Digitalisierung erneut herauslesen: Es wirkt so, als wollten die Unternehmen „die Digitalisierung einführen“ und danach zur Tagesordnung übergehen.

Vielleicht basiert diese Fehlbewertung auf dem Ausdruck „Digitale Transformation“. Alain Veuve  kritisiert die Wahl des Begriffs, weil der eine trügerische Endlichkeit unterstellt und sich alles nur um technische Belange dreht: „Transformation impliziert einen Prozess, der einen Anfang und ein Ende hat,“ und „Digital impliziert, dass die Veränderungen nur von Informationstechnologien getrieben sind.“

Beide Begriffsteile sind irreführend. Der Fortschritt geht nicht vorbei und wirkt sich immer großflächig aus, nicht nur technisch. Warum sollte das bei der Digitalisierung anders sein?

Das Besondere an der heutigen Entwicklung gegenüber früheren disruptiven Phasen ist das Tempo der Veränderung. Es gibt kaum noch spürbare Pausen. Die Disruption wird zum Dauerzustand.

Diese Pille ist schwer zu schlucken – speziell für klassische Erfolgsunternehmen. Sie wollen nach jeder Marktstörung zurück zum Normalzustand, und genau als eine solche Marktstörung stufen viele die Digitalisierung ein.

Akzeptieren, ein Neuling zu sein

Eventuell gründet sich die Bewertung der Digitalisierung als Projekt auch auf der fehlenden Akzeptanz, dass das Zielbild, um in der Managersprache zu bleiben, nicht definiert ist. Manager sind normalerweise daran gewöhnt und darin ausgebildet, ein Ziel zu bestimmen, und ihr Unternehmen dorthin zu steuern. Das ist quasi die klassische Stellenbeschreibung eines Managers.

Bei der Digitalisierung funktioniert das Vorgehen jedoch nicht mehr. Beispiel: digitale Kompetenzen. Vielfach können Unternehmen noch gar nicht abschätzen, was ihre Mitarbeiter in zehn Jahren wissen und an Fähigkeiten mitbringen müssen. Es bringt also nichts, sie nur fachlich weiterzubilden und schon ist man gerüstet für die Zukunft.

Es geht darum, dass alle neugierig und lernfähig bleiben. Das gilt für den einfachen Arbeitnehmer bis rauf in die Chefetagen. Voraussetzung ist eine Bereitschaft, als Neuling immer wieder ganz von vorne anzufangen, ohne Angst davor, sich nicht mehr nur auf das erlangte Know-how verlassen zu können.

Nicht in digitale Panik verfallen

Wie nun mit der anbrechenden Dauer-Disruption umgehen? Ein wichtiger erster Schritt ist, sich der Situation bewusst zu werden und zu akzeptieren, dass Digitalisierung kein bloßes Aufkommen neuer Produktionsmethoden und Marketingkanäle darstellt.

Falsch wäre allerdings, sich vom Tempo der Veränderung blind anstecken zu lassen und panisch zu einem Amazon-Klon werden zu wollen. Es gibt durchaus Unternehmen im Finanzsektor, für die ein komplettes Umstellen auf digitalen Vertrieb absoluter Selbstmord wäre – zum Beispiel in der Vermögensberatung.

Die digitale DNA á la Amazon lässt sich ohnehin nicht in drei bis fünf Jahren aufbauen – schon gar nicht aus einer bestehenden und über Jahrzehnte gewachsenen Organisation heraus. Hierfür braucht es Parallelstrukturen, die, wenn die Zeit reif ist, das Mutterschiff übernehmen. Das wiederum erfordert Mut zum Risiko und zum Fehlermachen.

Was sich von Unternehmen mit digitaler DNA abschauen lässt, ist die Idee, den aktuellen Normalzustand immer in Frage zu stellen. Diese häufig mit Agilität umschriebene Fähigkeit lässt sich allerdings nicht über Nacht erlernen. Deshalb sind Aussagen, man wäre mittelfristig mit dem digitalen Wandel durch, der deutlich falsche Ansatz.

Das Projekt Digitalisierung hat keinen Rollout-Termin. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die Unternehmen sind nie zu spät dran, mit der Veränderung zu beginnen.