„Den bürokratischen Aufwand minimieren”

Vom 07.12.2016

Auf der Plattform Join sollen sich Firmen und Flüchtlinge finden. Bitkom-Mann Cornelius Kopke sagt, warum die IT-Branche auf dieses Potenzial nicht verzichten sollte.

Der syrische Flüchtling Rami Konbus war im Herbst 2015 Praktikant bei IT Krämer in Eppelborn im Saarland. (Foto: Picture Alliance)

Der syrische Flüchtling Rami Konbus war im Herbst 2015 Praktikant bei IT Krämer in Eppelborn im Saarland. (Foto: Picture Alliance)

 

Cornelius Kopke ist Bereichsleiter öffentliche Sicherheit und Wirtschaftsschutz sowie Projektmanager Flüchtlingsintegration beim Digitalverband Bitkom. Zuvor arbeitete der Jurist bei Escon Security Management, der Großkanzlei Hogan Lovells und dem Computerspieleverlag dtp.

 

Herr Kopke, die Internetseite Join soll an einem Praktikum interessierte Flüchtlinge und Unternehmen zusammenbringen. Es gibt bereits eine Vielzahl solcher Initiativen: Besteht nicht die Gefahr, Interessenten und Firmen mit der Auswahl zu überfordern?

Wir haben eine Umfrage unter 1.500 Unternehmen aus allen Branchen gemacht, demnach kann sich jedes zweite Unternehmen vorstellen, Praktika für Flüchtlinge anzubieten. Größter Hinderungsgrund sind fehlende Sprachkenntnisse der Flüchtlinge, die acht von zehn Unternehmen beklagen.

Jedes zweite schreckt der hohe bürokratische Aufwand ab, um eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Und jedem vierten Unternehmen fehlt es an einer Möglichkeit, geeignete Flüchtlinge anzusprechen. Kurz: Es gibt einen großen Bedarf an einer Lösung, die Flüchtlinge und Unternehmen zusammenbringt – und dabei den bürokratischen Aufwand minimiert.

Was unterscheidet Join von anderen Plattformen wie beispielsweise „Wir zusammen“ des United-Internet-Gründers Ralph Dommermuth und „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertags?

Bei der Erstellung von Join haben Unternehmen der Digitalwirtschaft, Geflüchtete und das Bundesministerium für Inneres bereits bei der Konzeption zusammengearbeitet. Das garantiert, dass die Bedürfnisse aller drei Gruppen berücksichtigt werden, die bei einer Praktikumsvergabe zusammenkommen müssen: Unternehmen, Praktikanten und die Verwaltung.

Wer über Join Praktika anbietet oder einen Praktikumsplatz annehmen möchte, wird Schritt für Schritt durch die notwendigen Prozesse geführt und kann sich sicher sein, alle notwendigen und vor allem korrekten Formulare zu erhalten.

Will helfen, Unternehmen und Flüchtlinge Schritt für Schritt durch die Praktikumssuche zu führen: Bitkom-Mann Cornelius Kopke. (Foto: Bitkom)
Will helfen, Unternehmen und Flüchtlinge Schritt für Schritt durch die Praktikumssuche zu führen: Bitkom-Mann Cornelius Kopke. (Foto: Bitkom)

Hinter der Plattform stehen neben Ihrem Verband Bitkom auch Unternehmen wie Dataport, SAP und die Software AG. Wie wichtig sind Flüchtlinge für die IT-Industrie?

In der Digitalbranche herrscht seit Jahren ein akuter Fachkräftemangel. Aktuell gibt es in Deutschland 51.000 offene Stellen für IT-Spezialisten, sowohl bei den IT-Unternehmen als auch bei Unternehmen aus allen anderen Branchen. Unter den Geflüchteten sind viele junge, motivierte Menschen mit einer teilweise sehr guten, vor allem naturwissenschaftlichen oder technischen Ausbildung.

Dazu kommt, dass viele sehr gut Englisch sprechen, die Lingua franca der digitalen Welt. Es wäre fahrlässig für die IT-Branche, dieses Potenzial nicht zu nutzen – und dabei können sie gleichzeitig den nach Deutschland Geflüchteten eine berufliche Perspektive bieten.

Seit einigen Wochen probieren Sie die Plattform aus. Was sind bislang die wichtigsten Ergebnisse? Und woher kommt das meiste Interesse?

Join ist zum IT-Gipfel 2016 in Saarbrücken im Pilotbetrieb gestartet. Das ist gerade einmal drei Wochen her, das ist noch deutlich zu früh, um eine erste Bilanz zu ziehen. Uns freut aber besonders, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Weiterentwicklung und den weiteren Betrieb von Join maßgeblich unterstützen wird.

Sie sprechen mittelständische wie auch Dax-Unternehmen an. Ist das Thema Praktika für Flüchtlinge auch für Start-ups von Belang?

Grundsätzlich sind auch viele Start-ups auf der Suche nach IT-Experten. Die internationale Atmosphäre in vielen Start-ups, bei denen Englisch oft völlig normale Arbeitssprache ist, erleichtert eine Integration sicherlich.

Auf der anderen Seite muss man auch festhalten, dass Praktikanten, die an eine Tätigkeit herangeführt werden sollen, auch erst einmal Arbeit machen, bevor sie Arbeit übernehmen können. Diese Kapazitäten haben viele, vor allem kleine Start-ups nicht unbedingt.

Wir beobachten aber etwas anderes: Start-ups im sozialen Bereich und von Geflüchteten selbst gegründete Initiativen nehmen zu und bilden eine ganz eigene Nische – die Techfugees.