Künstliche Intelligenz – Die nächste Revolution

Vom 04.03.2016

Wolfgang Wahlster leitet das weltweit größte Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Jetzt hat sich Google an seinem Institut beteiligt.

An dieser Anwendung arbeiten die DKI-Forscher: In dieser Industrie-Anlage zeigt ein Monitor dem "Werker" Schritt für Schritt, wie er das Produkt zusammenbauen soll. Der Rechner warnt, sobald er einen Fehler bemerkt. Sowohl die Einzelteile als auch die Handgriffe des Monteurs werden von Sensoren erfasst. (Foto: DFKI)

An dieser Anwendung arbeiten die DKI-Forscher: In dieser Industrie-Anlage zeigt ein Monitor dem "Werker" Schritt für Schritt, wie er das Produkt zusammenbauen soll. Der Rechner warnt, sobald er einen Fehler bemerkt. Sowohl die Einzelteile als auch die Handgriffe des Monteurs werden von Sensoren erfasst. (Foto: DFKI)

Wer ist Wolfgang Wahlster? Er ist der Mann, der von seinen Rechnern sagt: Die sind intelligenter als ich. Wahlster baut Roboter, die Ohren und Augen haben. Und außerdem etwas auf dem Kasten: Was man ihnen aufträgt, erledigen sie von allein. Wahlsters Rechner gehen spielend prekärste Aufgaben an, erkennen Bilder, bewerten Daten, lernen sogar aus Fehlern (Bravo!).

Handelte es sich um einen gewöhnlichen Homo sapiens, würde es heißen: du Intelligenzbestie!

„Gud’n Tach“, sagt Wolfgang Wahlster. Grauer Haarkranz, grauer Oberlippenbart, grau wie alle Theorie, dazu eine runde Brille. Der Händedruck ist sanft, die Stimme ist sanft. Wir treffen uns in einem Betonbau mit Glasfassade in Saarbrücken. Hier ist Wahlsters Büro.

Draußen regnet es, das Wetter ist nicht so besonders. Aber dafür ist der Teppich blaugrau, das Besuchersofa mintgrün, und Wolfgang Wahlster legt in farbigen Worten dar, warum er ausgerechnet Saarbrücken für ein Weltzentrum der Informationstechnik hält.

Wahlster sagt: weil sich rund um sein mintgrünes Besuchersofa das weltberühmte Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ausbreitet. Gegründet von wem? Na, von ihm, natürlich: Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster. 62 Jahre alt.

Alles schriftlich dokumentiert und beurkundet, und zwar an den Wänden. Deutscher Zukunftspreis. Ehrendoktorwürden, Bundesverdienstkreuz, Mitglied der Nobelpreis-Akademie. Saarland-Botschafter. Beglaubigungen, Zertifikate, Wertpapiere. Dient wohl alles der Selbstvergewisserung. Wer bin ich? Ach ja: Prof. Dr. Dr. Wahlster.

Aber Spaß beiseite, jetzt wird’s ernst: Wahlster ist nämlich offenbar fähig, in die Zukunft zu sehen. Denn Künstliche Intelligenz – KI – gilt als die nächste Stufe der Digital-Revolution. Handcomputer, die Sprachbefehle verstehen, selbstfahrende Auto-Autos, Maschinen-Chirurgen, die Programme für Drohnen, was ist das alles? Wahlster lehnt sich in seinem Stuhl zurück, die Bestätigung all seiner Voraussagen in Person, und sagt: „Das ist erst der Anfang.“

Die Künstliche Intelligenz der neuen, höheren Entwicklungsstufe, mit der sich das DFKI beschäftigt, geht nicht mehr Bit-genau und unbeirrt nach programmiertem Muster vor. Das können Automaten und Industrie-Roboter auch. Nein, diese Rechner beobachten, erkennen und ergründen die Folgen dessen, was sie tun. Und danach entscheiden sie, ob sie es noch besser machen können und wenn ja, wie.

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Gründete vor 27 Jahren das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz: Wolfgang Wahrster. (Foto: Ullstein)

Aus Milliarden von Texten, Fotos, Videos suchen sie sich ihre Informationen zusammen, analysieren sie in null Komma nichts, erkennen Muster in allem, was sie umgibt, was als letztem Menschen Aristoteles gelungen war, und fällen dann saubere, klare, kühle Entscheidungen.

KI-Forscher haben Arbeitsweisen des menschlichen Gehirns, soweit sie sie bisher verstehen, und das ist nicht besonders weit, auf Rechner übertragen und die Geräte und Roboter, in denen sie stecken, in die Entscheidungsfreiheit entlassen. Da steht ein Mensch, da steht eine Maschine, und beide denken und handeln buchstäblich selbstbestimmt. Schöne neue Welt? Soll man sich darauf freuen, eines Tages mit Gerätschaften zum Abendessen zu gehen? Wird man sich in 100 Jahren womöglich in einen besonders charmanten Apparat verlieben?

Immer schneller werden bereits heute die Rechner mit Unmengen von Daten fertig, immer mehr können sie speichern. Die Kameras, Mikrofone, Fühler und Signalmesser sind empfindlicher, präziser denn je. Viele von ihnen, ja die meisten sind den menschlichen Sinnen überlegen.

Der Wert aller Anwendungen auf dem Markt der Künstlichen Intelligenz (Rechner, Roboter, Programme) – viele Jahre lang das Betätigungsfeld etwas abseitig veranlagter Gelehrter und Experimentierer – soll nach Berechnungen der Unternehmensberater und Statistiker von A. T. Kearney bereits auf mehr als fünf Milliarden Euro gestiegen sein und sich in den nächsten neun Jahren noch einmal mehr als versechsfachen.

Und ausgerechnet dieses Mal kommen Stimulus und Impetus nicht aus Amerika, nicht aus dem Silicon Valley. Sondern aus Saarbrücken. Direkt aus Wahlsters DFKI. Er beugt sich vor: „Das ist schon toll, diese Entwicklung.“ Da hat er recht, der gute Mann.

Angefangen hatte er 1988, mit 50 Mitarbeitern. Schon als Schüler hatte er an Rechnern herumgeschraubt und -gelötet: Sie sollten gesprochene Sätze verstehen. Mit 29 wurde er zum Informatikprofessor berufen und konnte später am DFKI einen Kindheitstraum verwirklichen und ein Programm entwickeln, das Sprache versteht und auch noch übersetzen kann: „Verbmobil“. Benutzer sagten einen Satz in ein Mikrofon, und die Maschine sprach ihn auf Englisch oder Japanisch nach. Siemens wollte die Anwendung für die Mobilfunksparte nutzen. Doch dann verkauften die Münchner den Geschäftszweig, und Wahlsters Technik landete in der Schublade.

Irgendwann erinnerte sich dann Google der Idee, warb ein paar ehemalige DFKI-Forscher ab und brachte „Google Translate“ heraus, die Übersetzungsanwendung. Selbst die Sprachsteuerung „Siri“, die Apple in seine „Iphones“ baut, entstand in ihren Grundlagen in den Laboren von Wahlsters Mitarbeitern. Auch wenn mal wieder andere das Geschäft mit hiesigen Erfindungen machten, sieht Wahlster die Dinge gelassen, auch wenn er sagt, dass es ihm „natürlich lieber gewesen“ wäre, „wenn es heute anstatt eines ,I-Phones‘ ein ,S-Phone‘ von Siemens gäbe“.

Aber das wird ihm nicht noch einmal passieren. Mit BMW und Daimler arbeiten Wahlsters Mitarbeiter an Assistenzsystemen für Autofahrer – das Auto reagiert auf Gestik, Mimik, Sprache. Miele und Bosch sind Partner bei der intelligenten Fabrik der Zukunft – die Urheberschaft des Begriffes „Industrie 4.0“ beansprucht Professor Wahlster ohnehin für sich. Und mit der Warenhaus-Kette Globus erarbeiten DFKI-Forscher den Supermarkt der Zukunft. „Wir wollen den Menschen nicht ersetzen“, sagt Wahlster, „aber wir wollen uns nützlich machen – mit intelligenten Assistenzsystemen, die sich nach dem Menschen richten.“

Zu den Gesellschaftern seiner gemeinnützigen GmbH gehören das Saarland, Bremen und Rheinland-Pfalz – aber auch Unternehmen: Airbus, Deutsche Post, BMW, Intel, Deutsche Telekom, Microsoft, SAP und andere. Aufträge von Nicht-Gesellschaftern sind willkommen. 40 Millionen Euro im Jahr können die 800 DFKI-Forscher, die aus 60 Nationen stammen, für ihre Forschungen ausgeben.

DFKI-Standorte sind Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin; es ist das weltgrößte Institut seiner Art. Selbstverständlich findet 2016 der IT-Gipfel von Bundesregierung, Industrie und Wissenschaft in Saarbrücken statt.

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Dieses DFKI-Gebäude steht in Kaiserslautern. (Foto: DFKI)

60 Ausgründungen wurden vom DFKI schon ausgewildert, 2.500 Arbeitsplätze geschaffen. Einer der Vorzeige-Unternehmer ist Ammar Alkassar, dessen Internet-Sicherheitsfirma Sirrix im Mai für geschätzte 100 Millionen Euro vom Messtechnikkonzern Rohde & Schwarz übernommen
wurde.

Auch ihn selbst habe man schon übernehmen wollen, sagt Wahlster, zum Beispiel die Telekom. „Sehr lukrativ, aber nichts für mich.“ Er ist lieber sein eigener Chef: „Macht mehr Spaß.“

Anfang Oktober stieg Google als Gesellschafter beim DFKI ein. Es war eine Sensation für die Branche und ein Beleg für die weltweite Bedeutung des DFKI selbst: Noch nie hat sich Google an einem Forschungsunternehmen in Europa beteiligt. Dass die Amerikaner sich als 17. Industrie-Teilhaber bei ihm einreihen, nimmt Wahlster als Kompliment.

In Kürze werden Google-Mitarbeiter in Saarbrücken erwartet. Sie wollen mit den deutschen Kollegen ihr Kerngeschäft erweitern: „Google ist nur eine Suchmaschine. Aber immer noch keine Antwortmaschine“, sagt Wahlster.

Unter den vielen Projekten, die die neuen Partner starten, findet sich auch die Entwicklung von Robotern. Auf die sind die Amerikaner ganz versessen: Vor zwei Jahren kaufte Google den Militärroboterhersteller Boston Dynamics. Der „Atlas“ aus der frisch erworbenen Firma gilt als einer der fortschrittlichsten Roboter der Welt.

Aber Google ist bei Weitem nicht alles, was den Wissenschaftsmanager zurzeit beschäftigt. Sein nächstes Projekt heißt: „Smart Service“, es geht um neuartige Dienstleistungen. Um das Auto der Zukunft, das nicht nur allein fahren, sondern auch selbstständig einen Parkplatz finden, Hotels buchen und Arzttermine vereinbaren kann, oder auch um das Sensoren-Hemd von morgen, das Haltungsschäden diagnostiziert.

In diesem Auto erfassen Sensoren die Augen- und Kopfbewegungen des Fahrers. Das System schlägt Alarm, wenn der Fahrer abgelenkt wirkt. Hotelzimmer werden per Augenkontakt reserviert: Ein Blick im Vorbeifahren auf das Hotel und ein Sprachkommando genügen. (Foto: DFKI)
In diesem Auto erfassen Sensoren die Augen- und Kopfbewegungen des Fahrers. (Foto: DFKI)

Die Zukunft könnte so unbeschwert sein, wenn, ja wenn es nicht zwei Widerständler gäbe: die „Technik-Skeptiker“, die Künstliche Intelligenz für ein Risiko halten und jeden, der sich mit Daten beschäftigt, des Schnüffelns generalverdächtigen.

Wobei er mit diesen Leuten schon fertig werde, sagt Wahlster: auf Podiumsdiskussionen, bei Bürgerdialogen.

Im anderen gegnerischen Lager versammeln sich Kritiker, die die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz für lebensbedrohlich halten: Stephen Hawking etwa, Professor für Theoretische Physik, will gar das „Ende der Menschheit“ voraussehen, weil die menschliche Evolution der Künstlichen Intelligenz nicht gewachsen sei.

Aber Wolfgang Wahlster wischt auch diese Ängste mit aller Lockerheit beiseite: „Die Künstliche Intelligenz übernimmt doch nicht die Weltherrschaft. Es ist der Mensch, der alles kontrolliert.“

Ja, seine Ehrfurcht vor der menschlichen Intelligenz ist, seit er sie erforscht, sogar noch gewachsen: Erfahrung, Gefühle, Schöpferkraft, Bindungsfähigkeit – Maschinen fehlt das alles. Es reicht nicht einmal für den simplen gesunden Menschenverstand: „Stellen Sie sich vor, es ist Februar, wir sind in Köln. Ein selbstfahrendes Auto erkennt mitten auf der Straße einen Elefanten. Es ist perplex, handlungsunfähig. Weil es nicht weiß, dass zur Karnevalszeit schon mal ein Elefant aus Pappmaschee im Zug dabei sein kann.“

Die Menschen sollten sich nicht bange machen lassen. Sie bleiben unersetzlich. Denn häufig fielen Entscheidungen auf Grundlage von Meta-Wissen, Alltagsintelligenz und „Bauchgefühl“. Bei Faktenwissen liegen die Rechner dann vorn. Ein Anatomie-Buch zum Beispiel. „Für Spezialwissen sind die Maschinen da. Der Mensch für die Diagnose, wie man Probleme löst.“

Zum Schluss hat Wahlster noch ein, seiner Meinung nach, unschlagbares Argument. Er sei doch selbst ein Mensch. „Warum sollen wir als Ingenieure ein System entwickeln, das die Menschheit besiegt? Totaler Schwachsinn. Absoluter Schmarrn. Science-Fiction.“