Größter Wandel der Geschichte im Einzelhandel

Vom 29.01.2016

Der Chef des Handelsverbands über den Vorteil großer Geschäfte, das Verschwinden Tausender Standorte und die Rettung der deutschen Innenstädte

Für den Einzelhandel werden die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr immer wichtiger: Einkäufer in der Kölner Fußgängerzone. (Foto: Picture Alliance)

Für den Einzelhandel werden die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr immer wichtiger: Einkäufer in der Kölner Fußgängerzone. (Foto: Picture Alliance)

 

Stefan Genth (52) ist seit Juli 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Vor seiner Tätigkeit beim HDE war der diplomierte Verwaltungswirt Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostwestfalen-Lippe. Genth ist Mitglied des Präsidiums des europäischen Handelsverbands Euro-Commerce und Vorstandsmitglied des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Herr Genth, das vergangene Weihnachtsgeschäft hatte eher schwunglos begonnen – wie ist es insgesamt nun für die Verkäufer gelaufen?

Im vergangenen Weihnachtsgeschäft konnte der Einzelhandel seine Umsätze im Vorjahresvergleich um zwei Prozent auf 87,2 Milliarden Euro steigern. November und Dezember bleiben damit die mit Abstand wichtigste Zeit für die Branche. Die Umsätze liegen in den beiden letzten Monaten des Jahres um rund 15 Prozent, in einzelnen Branchen aber auch um bis zu 100 Prozent über dem Durchschnitt der anderen Monate. Dabei profitieren sowohl der stationäre als auch der Online-Handel. So erzielt der stationäre Handel knapp 19 Prozent, der Internethandel gut 25 Prozent seines Jahresumsatzes in dieser Zeit.

Beispielsweise in Hamburg hat allerdings gut ein Fünftel der Ladenbetreiber weniger verdient. Wer sind die Verlierer und weshalb hatten sie Probleme?

Allgemein zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Geschäftserwartung. Filialformate und Großflächen können sich derzeit standortübergreifend erfolgreicher positionieren als kleinere Geschäfte. Grundsätzlich profitieren die einzelnen Branchen im Handel von der guten Geschäftslage unterschiedlich: So entwickelte sich 2015 der Einzelhandel mit Kosmetik und Körperpflegeprodukten, Fahrrädern und Wohnmöbeln überdurchschnittlich.

Die starke Entwicklung gerade in diesen Branchen deutet darauf hin, dass die Verbraucher in den vergangenen Monaten bereit waren, auch größere Anschaffungen zu tätigen und in ihr Wohnumfeld und ihre persönliche Ausstattung zu investieren.

Für die Internethändler nimmt das Geschäft dagegen immer nur zu. Was können stationäre Verkäufer dem noch entgegensetzen?

Einkaufen muss ein Erlebnis sein. Die Verbraucher wollen eine angenehme Einkaufsatmosphäre, nachhaltige Produkte und herausragenden Service. Dabei geht der Trend immer mehr auch in Richtung Multi- oder Cross-Channel-Handel, das heißt der intelligenten Verknüpfung von E-Commerce und stationärem Handel.

Die Multi-Channel-Händler rechnen für das laufende Jahr mehrheitlich mit einer Steigerung ihrer Online-Umsätze. Kunden wollen ihren Lieblingshändler sowohl auf der heimischen Couch per Internet als auch über das Smartphone und in der Innenstadt oder auf der Grünen Wiese finden. Für die stationären Händler geht es darum, sich ein Online-Standbein aufzubauen und die Chancen des Internets für sich zu nutzen.

Immer wichtiger werden für den Einzelhandel die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Können es die Deutschen gar nicht erwarten, Ihr gerade geschenkt bekommenes Geld schnellstmöglich wieder loszuwerden?

Nach Weihnachten haben viele Menschen Zeit und Muße mit der ganzen Familie einkaufen zu gehen. Gleichzeitig schenken immer mehr Menschen zu Weihnachten Gutscheine oder Bargeld. Gutscheine waren im Weihnachtsgeschäft 2015 zum wiederholten Male die meistverschenkte Ware. Das führt dazu, dass viele sich ihre Geschenke erst in den Tagen nach dem Fest kaufen und dabei auch den einen oder anderen Euro zusätzlich ausgeben. Für den Einzelhandel werden diese Tage deshalb immer wichtiger.

Da haben Sie auch Glück gehabt, dass für viele Menschen der Skiurlaub in den Weihnachtsferien ausgefallen ist, oder?

Nein, das Wetter hat uns diesen Winter bisher eher nicht in die Hände gespielt. Viele Sporthändler haben eher maue Geschäfte gemacht, der Bedarf nach Skiausrüstung hielt sich wetterbedingt in engen Grenzen. Und auch die Bekleidungshändler leiden unter dem zu milden Winter.

Die Kleiderverkäufer haben, wegen des milden Wetters im Dezember, den Schlussverkauf gar um einige Wochen vorgezogen. Wie sehr schmerzen diese frühen, hohen Rabatte?

Die Bekleidungshändler hatten in der Tat wenig Freude an diesem Winter. Natürlich rabattiert dann der ein oder andere etwas früher als sonst. Flächendeckende Rabatte sehen wir aber erst seit vergangenem Montag, dem Start des Winterschlussverkaufs. Da können die Kunden in diesem Jahr noch richtig gute Schnäppchen machen. Denn die Lager sind noch gut mit Winterware gefüllt.

 

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.
Erwartet 2020 bis zu 20 Prozent des Handelsumsatzes im Internet: Stefan Genth. (Foto: HDE)

Welche Veränderungen im Handel werden das Jahr 2016 bestimmen?

Online-Handel und stationärer Handel werden sich immer weiter verknüpfen. Die Kunden werden noch einfacher die Vorteile aus beiden Welten nutzen können. Schon aktuell beobachten wir, dass immer mehr bisher reine Online-Händler auch in die stationäre Handelswelt drängen. Gleichzeitig bauen immer mehr stationäre Händler ein Online-Geschäft auf.

Im stationären Handel wird vor allem die Digitalisierung zu neuen Serviceangeboten führen. Mit Hilfe von Location-Based-Services bekommen die Kunden Gutscheine und Angebote auf ihre Smartphones gesendet oder werden digital durch die Läden zu den passenden Angeboten navigiert. Der stationäre Handel kann so das Einkaufserlebnis für seine Kunden steigern und seine traditionelle Beratungskompetenz weiter ausbauen.

Könnten weitere große Unternehmen, weitere bekannte Namen verschwinden?

Zweifellos läuft im Einzelhandel gerade der vielleicht größte Strukturwandel in der Geschichte der Branche. Das hängt eng mit den steigenden Online-Umsätzen und der Digitalisierung zusammen. Es kann gut sein, dass bis 2020 rund 50.000 Handelsstandorte wegfallen. Die Herausforderungen sind gerade für die kleinen und mittelständischen Unternehmen sehr groß. Der Umsatzanteil des Online-Handels am Gesamtumsatz im Einzelhandel könnte bis 2020 auf bis zu 20 Prozent steigen.

Bei Kleidern, Büchern und technischem Gerät haben Zalando und Amazon das Geschäft schon ordentlich aufgebracht, bei Möbeln und Baumärkten beginnt dies gerade. Was werden die Menschen 2016 noch zunehmend im Internet bestellen?

Das größte Potenzial liegt noch im Bereich Lebensmittel. Hier werden derzeit weniger als ein Prozent der Umsätze in Deutschland online erzielt. Allerdings bleibt hier abzuwarten, ob die Kunden das wollen. Denn erstens wollen viele die Ware anfassen, riechen und sehen. Und zum zweiten ist die Nahversorgung hierzulande so gut, dass Sie nie weit bis zum nächsten Lebensmittelhändler laufen müssen.

Mit hoher Dynamik verläuft die Entwicklung der Online-Ausgaben derzeit in den Bereichen Garten- und Grillgeräte sowie Auto- und Motorradzubehör. In einzelnen, anderen Produktkategorien zeigt die Online-Entwicklung nicht mehr die hohen Wachstumsraten der Vorjahre. Beispielsweise etwa im Markt für Unterhaltungselektronik. Hier wanderte in den letzten Jahren viel Umsatz ins Internet ab.

Und was heißt das für die Geschäfte in den Innenstädten?

Die Händler in den Innenstädten berichten von sinkenden Kundenfrequenzen. Damit unsere Innenstädte auch weiterhin so vital und attraktiv bleiben können, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Deshalb arbeiten wir als HDE federführend bei der Dialogplattform Einzelhandel des Bundeswirtschaftsministeriums mit. Hier sitzen Verbände, Unternehmen, Kommunen und Politik an einem Tisch und diskutieren gemeinsam, was passieren muss, um unsere Innenstädte dauerhaft zu stärken.

Ein Teil der Lösung ist die Digitalisierung der Händler vor Ort. Die große Verbreitung von Smartphones ist eine Chance: Die Händler können Gutscheine, Rabatte und Hinweise auf ihren Laden sowie ihr Sortiment auf die Kundentelefone versenden, sobald diese sich in ihrer Nähe befinden.

Damit die Digitalisierung im stationären Handel aber durchstarten kann, muss an den Handelsstandorten eine schnelle Internetverbindung sichergestellt sein. Oftmals geht das nur über WLAN. Viele Händler scheuen aber die rechtlichen Risiken der WLAN-Störerhaftung, die den Anbieter rechtlich verantwortlich für eventuell illegale Downloads der Kunden macht. Deshalb setzen wir uns als HDE für eine Abschaffung der WLAN-Störerhaftung ein.

Außerdem beschäftigt sich der stationäre Einzelhandel schon seit langem mit den Chancen, die das Internet bereithält. Das muss nicht immer gleich der eigene Online-Shop sein, für viele insbesondere kleine und nicht so finanzstarke Händler kann auch die Nutzung von Online-Marktplätzen sinnvoll sein.

Zum anderen sollte der stationäre Handel seine traditionellen Stärken wie die persönliche Beratung und das Einkaufserlebnis weiter ausbauen. Kunden wollen die Produkte vor Ort anfassen und ausprobieren. Im Sporthandel ermöglichen das einige Unternehmen beispielsweise mit Kletterwänden, an der die Bergausrüstung vor Ort getestet werden kann. Die Händler brauchen für ihre Standorte ein attraktives Umfeld, eine hohe Aufenthaltsqualität und die gute Erreichbarkeit der Innenstädte.