Eisenbahn-Startup Locomore führt seine Kunden hinters Licht

Vom 17.12.2016

Die Privatbahn verlangt für Fahrten, die über den Berliner Hauptbahnhof laufen, einen versteckten Preisaufschlag von bis zu 68,2 Prozent.

Eisenbahnwagen von Locomore auf der Fachmesse „InnoTrans2016“. (Foto: Flickr / FelixM)

Eisenbahnwagen von Locomore auf der Fachmesse „InnoTrans2016“. (Foto: Flickr / FelixM)

Einen besseren Start hätte sich der private Bahnbetreiber Locomore nicht wünschen können: Der allererste Zug verlässt den Stuttgarter Hauptbahnhof am Mittwochmorgen mit einer sportlichen Verspätung von 39 Minuten und trotzdem sieht man nur zufriedene Kunden. Für die Fahrgäste ist der Schuldige schnell ausgemacht: Die Deutsche Bahn wolle dem jungen Mitbewerber die Premierenfahrt versauen, indem Gleise künstlich blockiert würden, mutmaßen Mitreisende in den sozialen Medien.

Locomore-Geschäftsführer Derek Ladewig entschuldigt sich für die „kleineren Probleme“ bei der Bereitstellung der orange lackierten Waggons und wünscht allen eine gute Reise. Schon in Darmstadt hat der Zug kräftig aufgeholt. „LOC 1818“ liegt nur noch acht Minuten hinter den eigenen Zeitvorgaben. Grund dafür ist ein nicht näher erklärter „Puffer im Fahrplan“, wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet. Als der Zug in Fulda eintrifft, ist die Verspätung passé. Wenn das doch nur immer so klappen könnte!

An der Premierenfahrt nehmen größtenteils nur Journalisten teil. Zahlreiche Kamerateams drängen sich an die Fenster, die sich ganz klassisch per Hand öffnen lassen. Unterwegs gibt es fair gehandelten Kaffee und Rosinenschnecken. Nach Aussagen zahlreicher Reporter, funktioniert auch das kostenlose WLAN einwandfrei. Der Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne) lobt den neuen Zug, der unter anderem in Heidelberg, Frankfurt, Hannover und Wolfsburg Station macht. Es sei gut, dass jemand zeige, dass man auch „mit anderen Bedingungen zu anderen Konditionen ein Angebot machen kann“.

Risse in der glänzenden Fassade

Doch schon drei Tage nach dem Start wird klar, dass Locomore seine Kunden mit einer dubiosen Preispolitik in die Irre führt und sie damit unnötig zur Kasse bittet. Das Unternehmen ruft für seine wichtigste Verbindungen zum Berliner Hauptbahnhof massiv höhere Preise auf, als etwa für Fahrten bis zum dahinterliegenden Ostbahnhof – dabei handelt es sich wohlbemerkt um denselben Zug, zur selben Uhrzeit, auf demselben Gleis.

Das belegen Recherchen von Business Insider. Die Redaktion führte zahlreichen Probebuchungen im Online-Ticketsystem unter booking.locomore.com durch. So kostet beispielsweise am 21. Dezember die Fahrt von Stuttgart Hauptbahnhof bis Berlin Hauptbahnhof im sogenannten Basic-Tarif 37 Euro. Bleibt man einfach auf seinem Platz sitzen und fährt zwei Stationen weiter, werden plötzlich nur noch 22 Euro verlangt. Der ungewöhnliche Preisaufschlag für die kürzere Strecke liegt demnach bei 68,2 Prozent.

Konkret bedeutet das: Wer nicht am Hauptbahnhof aussteigt, sondern weitere zehn Kilometer bis nach Lichtenberg mitfährt, spart mehr als zwei Drittel des Ticketpreises (15 Euro). Wer am Ostbahnhof aussteigt, zahlt immerhin fast ein Viertel weniger (fünf Euro). Günstiger wird es außerdem, wenn man den Zug bereits am westlich gelegenen Bahnhof Zoologischer Garten verlässt. Die Ersparnis liegt hier wieder bei 68,2 Prozent im Vergleich zur Fahrt bis Hauptbahnhof.

Das heißt, dass sich Locomore jeden zusätzlichen Kilometer bis zum Hauptbahnhof mit 4,67 Euro vergüten lässt (basierend auf einer geschätzten Entfernung von 3,21 Kilometern. Details dazu am Ende des Artikels). An anderen Tagen liegt der Preisunterschied zwischen den genannten Berliner Stationen sogar bei stolzen 18 Euro.

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Besonders perfide: Die allermeisten Kunden, die mit Locomore nach Berlin fahren wollen, dürften ganz automatisch den Hauptbahnhof als Zielbahnhof auswählen. Die Station ist zentral gelegen, außerdem verkehren dort Hunderte Nahverkehrszüge. Wahrscheinlich weiß ein Großteil der Kunden überhaupt nicht, dass die Privatbahn auch weiter östlich gelegene Nebenbahnhöfe anfährt. Das Buchungssystem von Locomore „unterstützt“ die Kunden dementsprechend, indem es „Berlin Hbf“ als erste Wahlmöglichkeit anbietet, sobald man nur ein „B“, ein „E“, ein „R“, ein „L“, ein „I“, ein „N“ in die Suchmaske eintippt.

Die oben genannte Rechnung funktioniert auch in die andere Richtung, also bei Fahrten von den vier Berliner Haltestellen nach Stuttgart. Bevorzugte Abfahrtoption ist „Berlin Hbf“ — mit dem entsprechenden „Preisaufschlag“. Das als GmbH & Co. KG firmierte Unternehmen wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Zwei schriftliche Anfragen seitens der Redaktion blieben seit Mittwoch unbeantwortet. Ein Mitarbeiter an der Kundenhotline sagte Business Insider, dass es für jede Strecke bestimmte Kontingente gäbe. Genauer erklärten konnte dies der Angestellte allerdings nicht und verwies auf die Pressestelle.

Die Deutsche Bahn wollte sich zu dem Thema ebenfalls nicht äußern.

„Ein seltsames Phänomen“

Ein unabhängiger Eisenbahn-Sachverständiger mit 30 Jahren Berufserfahrung sprach gegenüber Business Insider von einem „seltsamen Phänomen“. Die Preisstruktur von Locomore habe ihn überrascht, betonte der renommierte Ingenier, der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte. „Andere Anbieter, ob Bahn, Bus oder Flugzeug, haben ihre Sondertarife in Form von Frühbucherrabatten oder bei schlechter Auslastung zu bestimmten Zeiten“, erläuterte der Experte. Die Tatsache, dass man in einen günstigeren Tarif falle, wenn man eine oder zwei Stationen weiter fahre, sei für ihn „neu“.

Bei der Deutschen Bahn würde die einfache Fahrt von Stuttgart nach Berlin Hauptbahnhof 115,90 Euro kosten (Testtag 21. Dezember, Sparpreis ohne sonstige Vergünstigungen). Aber auch bei anderen Probebuchungen zeigt sich, dass die Preise für die einzelnen Berliner Bahnhöfe beim Platzhirsch gleich bleiben. Interessanterweise trifft das auch auf einen Großteil der Locomore-Fahrten im deutlich teureren Business-Tarif zu. Bei mehreren Stichproben war der Hauptbahnhof nur an zwei Tagen teurer, im Basis-Tarif dagegen an fast allen Testagen.

Die folgende Tabelle zeigt die Ticketpreise für eine einfache Fahrt ab Stuttgart Hbf in Richtung Berlin (Basic-Tarif).

Stand: 15. Dezember 2016, circa 16 Uhr

Datum Hauptbahnhof Ostbahnhof Lichtenberg
19.12. 37 Euro 22 Euro 22 Euro
20.12. 22 Euro 22 Euro 22 Euro
21.12. 37 Euro 27 Euro 22 Euro
22.12. 59 Euro 42 Euro 42 Euro
23.12. 65 Euro 65 Euro 65 Euro
24.12. 65 Euro 42 Euro 42 Euro
25.12. 27 Euro 22 Euro 22 Euro
26.12. 27 Euro 22 Euro 22 Euro
27.12. 65 Euro 59 Euro 42 Euro
28.12. 65 Euro 65 Euro 42 Euro

 

Locomore versteht sich selbst als günstige Alternative zu bisherigen Angeboten — dazu zählen neben der Deutschen Bahn auch Flugverbindungen, Fernbusse und private Pkw. Der bislang einzige Zug startet früh morgens in Stuttgart und fährt am Nachmittag zurück in Richtung Baden-Württemberg. Bei wirtschaftlichem Erfolg sind weitere Routen geplant, unter anderem von Bonn nach Berlin und von München nach Frankfurt.

Renovierte Waggons aus den 60er Jahren

Das Startup wirbt mit ökologischer Nachhaltigkeit und einem geselligen Reiseerlebnis. So wird die (bislang einzige) Lokomotive der Baureihe 182 (auch bekannt als „Taurus“ beziehungsweise Siemens ES64U2) laut Firmenangaben ausschließlich mit Ökostrom betrieben. Gleichgesinnte können sich — bei Interesse — in thematisch gruppierten Abteilen zusammenfinden — beispielsweise „Skatspielen“ oder „Stricken“.

Möglich werden die günstigen Preise durch eine höhere Auslastung von mindestens 60 bis 70 Prozent. Da der Zug mit maximal 200 Stundenkilometern unterwegs ist, werde außerdem Energie gespart, so das Unternehmen. Dazu kommt, dass Locomore durch seine flexible Planung niedrigere Trassenpreise bezahlen muss, als etwa die Deutsche Bahn, die mit einem festen Taktraster arbeite. Der Zug wird vom schwedischen Eisenbahnkonzern Hector Rail betrieben, der eigentlich auf Frachttransporte spezialisiert ist und etwa 50 Lokomotiven in seinem Fuhrpark hat. Das Zugpersonal wird ebenfalls von den Skandinaviern gestellt.

Die Waggons dürften ein Schnäppchen gewesen sein: Zum Einsatz kommen in Rumänien renovierte InterCity-Wagen der Baureihe Bm 235, die bei der deutschen Bahn vor rund 15 Jahren ausrangiert wurden. Die als sehr robust geltenden Reisezugwagen wurden in den 60er und 70er Jahren angeschafft und versprechen laut Locomore ein „klassisches Reiseerlebnis“.

Locomore erklärt auf seiner Website, dass die Höhe des Fahrpreises von der Nachfrage abhänge, aber immer unter dem Bahncard-50-Flexpreis der Deutschen Bahn liegen würde. Die Auffälligkeiten im Buchungssystem könnten auf dieses werbewirksame Versprechen zurückzuführen sein. Ein Blick in die Preisliste zeigt, dass diese Zusage aber ohnehin nur im sogenannten Basic-Tarif funktioniert. Fahrten im Business-Tarif kosten bis zu 98 Euro. Der Kostenvorteil gegenüber dem Angebot der Deutschen Bahn wäre somit dahin.

Theoretisch wäre auch ein Fehler im Buchungssystem denkbar. Allerdings scheint das Programm sehr genau zu erkennen, wann mit einem hohen Passagieraufkommen zu rechnen ist und wann nicht. Es wirkt daher nicht so, als sei das System unausgereift. Und selbst wenn es so sein sollte, wären die Kunden nach wie vor die Leidtragenden.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

Am Premierentag ist davon nichts zu spüren. Als der erste Locomore-Zug am Berliner Hauptbahnhof ankommt, warten schon die Fotografen und zahlreiche Eisenbahn-Fans. „LOC 1818“ ist fünf Minuten früher als geplant an seinem Ziel angekommen. Es wäre sogar noch ein bisschen schneller gegangen, aber am Bahnhof Zoologischer Garten war das Gleis blockiert. Die Meinung ist ohnehin durchweg positiv. Die Medien loben die Crowdfunding-Finanzierung und erzählen gerne von den kleinen Anekdoten, die man unterwegs aufgeschnappt hat.

So schreibt etwa die „Stuttgarter Zeitung“, dass in Fulda ein Geschäftsreisender zugestiegen sei, der seinen DB-Anschlusszug verpasst habe. Locomore reagierte kulant und ließ den Mann bis Berlin umsonst mitfahren. Kein Ticket, kein Problem. Irgendwie wünscht man sich ja auch, dass Locomore zum Erfolg wird. Es ist die klassische Geschichte von David gegen Goliath. Das Startup will mit nur einem Zug gegen die Deutsche Bahn antreten — das laut eigenen Angaben zweitgrößte Transportunternehmen auf der Welt.

Die Glaubwürdigkeit von Locomore hat jedenfalls schwere Risse bekommen. Erstaunlich ist außerdem, wie das Unternehmen die 39-minütige Verspätung aufholen konnte, obwohl der Zug nur bis 200 Stundenkilometern zugelassen ist. Zum Vergleich: Die dritte ICE-Generation schafft bis zu 330 Stundenkilometern und ist am Zielbahnhof trotzdem oft genug zu spät.

Wie kann das sein?


Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Wirtschaftsportal BUSINESS INSIDER DEUTSCHLAND.