„Großteil der Unternehmen zählt zu den Zauderern“

Vom 14.12.2016

Zwei Berater haben untersucht, wie es deutsche Unternehmen mit dem digitalen Wandel halten. Dass sie sich zum Teil schwertun, hat auch mit ihren Strukturen zu tun.

Immer mehr Unternehmen digitalisieren ihre Fertigung. (Foto: Picture Alliance)

Immer mehr Unternehmen digitalisieren ihre Fertigung. (Foto: Picture Alliance)

Uta Heydrich kümmert sich bei Camelot Management Consultants in München hauptsächlich um Unternehmensorganisationen, Joachim Getto um Digitalisierung in der Logistik. Gemeinsam haben die Berater die Studie „Mastering Digital Transformation“ verfasst.

 

Frau Heydrich, Herr Getto, miteinander kommunizierende Maschinen, lernende Lagersysteme, selbst fahrende Fahrzeuge – die Digitalisierung verändert Industrie und Arbeitswelt. Sind die deutschen Unternehmen gewappnet?

Joachim Getto: Die meisten Unternehmen fühlen sich nur teilweise bereit. Das liegt vor allem daran, dass das Topmanagement sich zwar eine Strategie zurechtgelegt hat – im mittleren Management herrscht aber oft Ratlosigkeit, was genau zu tun ist.

Der Großteil der deutschen Unternehmen zählt immer noch zu den Zauderern, deren Technologie und Digitalisierungsgrad sich auf dem Niveau der 70er bis 90er Jahre bewegen. Im Wettbewerb mit neuen Konkurrenten, die mit der Digitalisierung großwerden, ist das natürlich ein entscheidender Nachteil.

Welche Branchen machen es besser?

Getto: Die Konsumgüterbranche sieht sich als Vorreiter. Über 80 Prozent der Unternehmen geben an, bereits neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die sich auch positiv auf den Umsatz auswirkten.

Zu den Vorreitern zählen außerdem die Automobilindustrie, hier vor allem die Hersteller, und auch einige Mittelständler. Die Organisationsstrukturen der Mittelständler können allerdings mit den Neuerungen im technischen Bereich oft nicht mithalten, was wiederum dazu führt, dass adaptierte Geschäftsmodelle nicht ihre volle Kraft am Markt entfalten können.

Sieht einen Wettbewerbsvorteil durch Technik: Joachim Getto. (F.: Camelot)
Sieht einen Wettbewerbsvorteil durch Technik: Joachim Getto. (Foto: Camelot)

Warum?

Uta Heydrich: Wer gezwungen ist, sein Geschäftsmodell immer häufiger zu überdenken, muss auch in punkto Organisationsgestaltung flexibler sein. Neue Modelle der Zusammenarbeit mit Herstellern, innovative Technologien und veränderte Kundenbedürfnisse erfordern ein Anpassen der Organisationsstrukturen.

Traditionelle Hierarchien müssen aufgebrochen und die Zusammenarbeit unternehmensintern sowie mit externen Partner ausgebaut werden. Schnelllebiges Geschäft erfordert das Arbeiten in Projektstrukturen und virtuellen Teams sowie häufigere Restrukturierung und gegebenenfalls auch das Ausgliedern neuer Spin-offs.

Positiv zu verzeichnen ist, dass der Wandel aus dem Topmanagement heraus initiiert wird und nicht rein technologiegetrieben ist. Dennoch hat kaum ein Unternehmen bisher eine klare Strategie, wie die Transformation erfolgreich umgesetzt werden kann – speziell im Hinblick auf die Mitarbeiter.

Die Anforderungen an die Mitarbeiter wandeln sich, während Digitalisierung und zunehmende Automatisierung von Tätigkeiten gleichzeitig dafür sorgen, dass der Druck und die Ängste des Einzelnen immer stärker werden. Der Faktor „Mensch“ in der Digitalisierung muss stärkere Beachtung finden.

Schnelllebiges Geschäft erfordert Projektstrukturen, sagt Uta Heydrich. (F.: Camelot)
Schnelllebiges Geschäft braucht Projektstrukturen, sagt Uta Heydrich. (Foto: Camelot)

Wie kann das gelingen?

Heydrich: Benötigt wird jemand, der die Transformation leitet und die Veränderung überwacht. Das kann beispielsweise ein Chief Digital Officer sein, wie ihn mehr und mehr Unternehmen verpflichten.

Dieser muss sicherstellen, dass die Digitalisierungs-Strategie eines Unternehmens nicht nur auf das Geschäftsmodell und die Technologie fokussiert, sondern auch die organisatorische Transformation berücksichtigt. Die Rolle der Personalführung gewinnt dabei stark an Bedeutung: Führungskräfte müssen ihren Führungsstil den neuen Strukturen und Anforderungen der Mitarbeiter anpassen.

Es gibt derzeit kaum ein Gespräch in der Wirtschaftswelt, das nicht bald auf die Digitalisierung käme. Ist die Entwicklung wirklich Trend oder nicht doch auch Trendwort?

Getto: Ein Großteil der Unternehmen ist heute der Meinung, „sofort“ handeln zu müssen – wobei sofort je nach Branche und Wettbewerbssituation in zwei Monaten oder in zwei Jahren bedeuten kann.

Ich denke da beispielsweise an einen Chemieproduzenten, der seine Produkte unter anderem an die Automobilindustrie liefert. Der hat heute schon Wettbewerber, die bei einer Bestellung bis zum Nachmittag am folgenden Tag liefern. Also fordern die Kunden das von allen Anbietern.

Dass die Logistik des einen Herstellers das bereits bietet und die eines anderen nicht, kann beispielsweise an der Technologie liegen, die ein Unternehmen bei der Kommissionierung oder Transportplanung verwendet, wie Datenbrillen oder Künstliche Intelligenz.

Das ist erfolgreich gelebte Digitalisierung: In dem Moment, wo man Technologie als Wettbewerbsvorteil nutzt oder neue, innovative Geschäftsmodelle damit umsetzt, wird aus dem Trendwort Realität.