Hoch hinaus

Vom 09.03.2016

Die Hamburger Versicherungsgruppe HanseMerkur wächst, dass einem schwindelig wird. Das Geschäft verändert sich radikal. Ein Ausblick.

Ein Schwabe in Hamburg: Eberhard Sautter (51), Chef des Versicherers Hanse Merkur. (Foto: Michael Rauhe)

Ein Schwabe in Hamburg: Eberhard Sautter (51), Chef des Versicherers Hanse Merkur. (Foto: Michael Rauhe)

 

Herr Sautter, Ihr Unternehmen wächst rapide: 2014 und 2015 haben Sie die Beitragseinnahmen um deutlich über zwölf Prozent gesteigert, während Ihre Konkurrenten mit ihren zwei bis drei Prozent fast so wirken wie angeleint und festgenagelt. Geht es bei HanseMerkur mit rechten Dingen zu?

Ich kann Sie beruhigen. Über die Jahre hinweg hat die HanseMerkur einen Kurs verfolgt, der glaubwürdig und nachhaltig ist. Seit 15 Jahren wachsen wir kontinuierlich jedes Jahr deutlich über Marktschnitt. Das zweistellige Wachstum der letzten Jahre muss man jedoch relativieren, da hier auch Einmalbeitragseffekte in der Lebensversicherung eine Rolle spielen.

„Kontinuierlich“ ist gut: Sie verfolgen eine Expansionspolitik, die von Kritikern als hochriskant, von Anhängern als bewunderns- und nachahmenswert bezeichnet wird. Was sagen Sie den einen wie den anderen?

Schon vor langer Zeit haben wir das Zielbild entwickelt, ertragreich über dem Marktdurchschnitt zu wachsen. Das ist uns zunächst im Hauptgeschäftsfeld Krankenversicherung gelungen. Mittlerweile haben die Sparten Leben, Komposit (Sachversicherungen) und Reiseversicherung nachgezogen. Und unser fünftes Geschäftsfeld Asset Management mit der HM Trust AG (Kapitalanlagen) und der HanseMerkur Grundvermögen AG (Immobilien) verstärkt die Wachstumsdynamik.

Wachstum ist für uns jedoch kein Selbstzweck. Es leitet sich ab aus den obersten Zielen unserer Unternehmensstrategie, nämlich Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und unternehmerische Führerschaft am Finanzplatz Hamburg zu sichern. Unter der neuen Versicherungsaufsicht Solvency II und beeinflusst von EU-weiter Regulatorik braucht man als mittelständischer Versicherer eine gewisse Größe, um zukunftsfähig am Markt agieren zu können. Für uns als innovatives Unternehmen sehe ich auf mittlere Sicht in den Geschäftsfeldern Gesundheit, Altersvorsorge und Pflege ein großes Potenzial für weiteres und nachhaltiges Wachstum.

Lebensversicherungen liegen branchenweit wie Blei in den Regalen.

Wir haben von übernommenen Beständen profitiert und gehen davon aus, dass es aufgrund niedriger Zinsen und steigender Regulierung, durch die sich die Kosten erhöhen, einige Wettbewerber geben wird, die sich aus bestimmten Geschäftsfeldern verabschieden werden. Die HanseMerkur ist offen für Unternehmenskäufe und dazu in der Lage.

Seit 2012 hat HanseMerkur jedes Jahr einen Konkurrenten aufgekauft und inzwischen eine Größe erreicht, die Ihr Unternehmen in seinem Innersten verändert.

Entscheidend ist nicht allein Größe, sondern Beweglichkeit. Wir sind innerhalb von 15 Jahren von 500 Millionen auf zwei Milliarden Euro Beitragseinnahmen gewachsen. Unsere Organisation ist aber immer schlank geblieben.

Weil Sie übernommene Firmen zügig eingepasst und ihren Firmenmantel weiterverkauft haben.

Richtig. Unsere Größe hat sich vervierfacht, unsere Struktur aber nicht geändert – und dies bei deutlich höherer Komplexität. Die Folge ist, dass wir heute pro Mitarbeiter rund 1,5 Millionen Euro umsetzen statt nur 500.000 Euro wie vor 15 Jahren. Wir haben die Produktivität also grob verdreifacht.

Mit Ihrer angriffslustigen Strategie haben Sie die 1875 als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gegründete HanseMerkur zum Enfant terrible der Versicherergilde gemacht. Die Sorge, selbst zum Übernahmeziel zu werden, braucht Sie indes nicht zu quälen …

Wir sind sehr glücklich, in der Muttergesellschaft die Vereinsstruktur zu haben. Das heißt: Ja, man kann uns nicht kaufen. So haben wir die Chance, unternehmerisch auch längerfristige Strategien verfolgen zu können.

Versicherungskonzerne leiden unter europäischer Niedrigzinspolitik und strenger Regulierung. Die Gesundheitswirtschaft jedoch blüht, wächst und gedeiht nicht zuletzt aufgrund der Fortschritte in der Digitaltechnik.

Ja, der Gesundheitsmarkt wächst um drei bis fünf Prozent jährlich bei einem Marktvolumen von derzeit 300 Milliarden Euro. Es ist ein gigantischer Wachstumsmarkt: Die Ausgaben sind allerdings, auch der Demografie geschuldet, sehr altersabhängig. Aber solange die Bevölkerung immer älter wird, steigen sie.

Zuwachs

Das Wachstumsziel bis 2018 – die Erreichung der zweiten Beitragsmilliarde – hat die Hamburger Versicherungsgruppe fast geschafft. Seit über zehn Jahren legt das Unternehmen beständig an Gewicht und Umfang zu. Im selben Zeitraum hat der Versicherer erstmals einen Kapitalanlagebestand von sechs Milliarden Euro erreicht. Dafür ist vor allem das Stammgeschäft mit privaten Krankenversicherungen verantwortlich, das zuletzt 1,42 Millionen Kunden zählte. Noch vor 20 Jahren galt HanseMerkur als Übernahmekandidat, heute greift der Versicherungskonzern selbst zu, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet. Ihre Geschäftszahlen für 2015 legen die Hanseaten im April vor.

Welche Rolle spielen neue Anwendungen durch Digitalisierung und Datenanalyse?

Das Potenzial, das Gesundheitsdaten bieten, ist gewaltig. Wenn Menschen ihrem Arzt in Zukunft ihre Blut- und Vitalwerte via Fitnessarmbänder zur Verfügung stellen, werden sie einen erheblichen Nutzen davon haben, weil sich die Risiken für Herzinfarkt, Schlaganfall oder chronische Erkrankungen viel früher erkennen lassen –und sie so vorsorgen können. Bei den Wearables, tragbaren Geräten, stehen wir jedoch erst am Anfang und müssen die Entwicklung abwarten, welche sinnvollen Vitaldaten über sie in wenigen Jahren abrufbar sein werden.

HanseMerkur verkauft seit dem Jahr 2000 Versicherungen auch über das Internet. Wie entwickelt sich das Geschäft?

Wir dürfen uns nicht auf die herkömmlichen Vertriebswege beschränken, auch wenn sie heute noch dominieren. Denn Online bietet große Chancen. Digital-Plattformen werden künftig zweifellos an Bedeutung gewinnen. Über intelligente Systeme wird der Kunde dort unterschiedliche Rabatte erhalten können.

Beteiligen Sie sich an jungen Unternehmen, um in dieser Geschäftssparte Fuß zu fassen?

Wir haben das vor allem im Bereich Programmierung gemacht. Versicherer nutzen ja eine IT-Struktur, die aufgrund ihrer naturgemäß hohen Komplexität nur schrittweise aktualisiert, ersetzt oder erneuert werden kann. Auf die besten Talente von der Uni übt das erwartungsgemäß nur eine beschränkte Anziehungskraft aus. Deshalb haben wir vor einiger Zeit entschieden, für die neuen technischen Entwicklungen zusätzlich ein eigenes Unternehmen zu gründen, und zwar Red 6. Hier arbeiten Leute, die überwiegend frisch von der Uni kommen, die Projektentwicklungen starten und sich dann immer mehr ins Unternehmen einbinden und hineinarbeiten. Zwischen Uni und IT-Abteilung ist ein Wechsel grundsätzlich in beide Richtungen gewollt und möglich.

Sie unterstützen die Initiative „Start me up!“. Das heißt, Sie suchen den Dialog mit Gründerunternehmern?

Ja, unbedingt.

Und deshalb haben wir ja auch mit der Leipziger Internetfirma Unister kooperiert.

Wir sind überzeugt davon, dass Reiseportale eine große Zukunft haben. Deshalb war es für uns richtig, mit großen Portalanbietern auf dem Reisemarkt zusammenzuarbeiten, über die wir unsere Reiseversicherungen anbieten.

Unister sieht sich dem Vorwurf des unerlaubten Vertriebs von Versicherungen ausgesetzt. Die Zahlungsfähigkeit der Leipziger ist angeblich nur dank eines 50-Millionen-Euro-Kredits von HanseMerkur gewährleistet, dessen Rückzahlung seit Oktober fällig sein soll. Werden Sie in Zukunft von solchen Kooperationen die Finger lassen?

Nein, ein Engagement bei jungen, erfolgreichen Online-Unternehmen bietet viele Chancen und interessante Geschäftsoptionen. Allerdings würden wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit heute unsere Vorgehensweise optimieren, um noch schneller informiert zu sein.

Aber: Die neu gegründete BD 24 Berlin Direkt Versicherung AG konnte bereits nach drei Jahren einen Umsatz von 40 Millionen Euro erzielen. Ich kenne niemanden, dem so etwas je gelungen ist. Wir liegen mit Beitragseinnahmen von rund 200 Millionen Euro in unserem Geschäftsfeld Reise & Freizeit hinter der Europäischen Reiseversicherung (ERV) und vor der Allianz Global Assistance (AGA) inzwischen auf Platz zwei. Zudem haben wir unglaublich viel über das Geschäft im Netz gelernt.

Was fangen Sie mit den Erfahrungen an?

Dieses Wissen ist besonders wertvoll für unser Geschäft. Die Unister-Portale wie Ab-in-den-urlaub.de haben ausschließlich Online-Kunden. Von neuen Geschäftsmodellen zu lernen und mit jungen Partnern zu kooperieren ist extrem sinnvoll. Wir müssen möglichst früh dabei sein und viel von ihnen lernen, um beurteilen zu können, an welchen wir uns beteiligen und mit welchen wir nur kooperieren wollen.

Wird die Digitalwirtschaft das Geschäftsmodell der Versicherer grundsätzlich verändern?

Veränderungen haben wir immer als Vorteil gesehen und daraus unseren Nutzen gezogen. Ein Konzern mit flachen Strukturen wie HanseMerkur kann hier schnell operieren. Wenn ich in einem wachsenden Markt mit modernen Produkten nicht in der Lage bin, mir einen ordentlichen Anteil zu sichern, dann liegt es nicht am Markt, sondern an mir.

Wenn man wie die HanseMerkur offen für Innovationen ist, dann stellt man schnell fest, dass es häufig wesentlich schwieriger ist, das Alte in seiner Struktur zu verändern als in Neues zu investieren.

Wie bringen Sie Traditionsversicherer und Gründermentalität zusammen?

Wir fordern von allen unseren leitenden Mitarbeiten unternehmerische Kompetenz. Sie flächendeckend zu entwickeln ist allerdings ein Prozess, der  mehrere Jahre dauert. Wir haben einen sehr unternehmerischen Vorstand – was als Vorbild wichtig ist. Unternehmertum ist das A und O. Sie müssen eine gewisse Grundunzufriedenheit mit dem aktuellen Zustand haben, egal wie gut er ist.

Dazu haben wir Innovationsteams eingesetzt, die wie kleine interne Startups agieren, sich mit Trendforschung, den Bedürfnissen der Kunden und der Auswirkung der Digitalisierung beschäftigen und so Ideen für neue Produkte oder Vertriebsmöglichkeiten entwickeln und ggf. umsetzen.

Konkret: Kommt eine rein digital abgeschlossene und verwaltete Krankenversicherung?

Sie wird eines Tages kommen. Vorher muss allerdings geklärt werden, ob die Patienten ihre Daten wirklich preisgeben wollen. Und auch der Datenschutz muss sagen, was ein Unternehmen dann digital darf. Aus meiner Sicht ist die rein digital verarbeitete Krankenversicherung in einem Land mit unterschiedlichen Regelungen auf Länderebene schwierig.

Wir denken und handeln vernetzt. Dazu passen unterschiedliche Anforderungen an den Datenschutz in Bayern, Hessen oder Schleswig-Holstein nicht mehr. Das müssen wir ändern.

 

Das Interview führten Melanie Loos und Mark Schneider.