„Future Farm” in Sambia: Farm der Hoffnung

Vom 02.01.2017

Auf einem Bauernhof in Sambia läuft ein mutiges Projekt gegen die Hungersnot in Afrika: Der Konzern AGCO will Afrikanern die mechanisierte Landwirtschaft vorleben.

Die Bäuerin Naomi Mweetwa Choongo unternimmt auf der „Future Farm” von AGCO eine Probefahrt mit einem Traktor. (Foto: Adam Öjdahl)

Die Bäuerin Naomi Mweetwa Choongo unternimmt auf der „Future Farm” von AGCO eine Probefahrt mit einem Traktor. (Foto: Adam Öjdahl)

 

Grace Siatontola Silume (52), Bäuerin aus Monze, Süd-Sambia, ist heute früh aufgestanden. Sie hat einen orangefarbenen Rock angezogen und ein knallrotes Tuch umgelegt. Als sie mit 50 anderen Bauern aus ihrer Heimat mit dem Bus nach Chongwe, unweit der sambischen Hauptstadt Lusaka fuhr, regnete es, die Landstraße war buckelig und matschig. Doch jetzt hat der Bus sein Ziel erreicht.

Grace steigt aus, ihre beigen Pumps versinken im Gras. Doch Grace hat nur Augen für die Traktoren, die auf einer Wiese vor ihr aufgereiht sind. Auf manchen der Maschinen sitzen Männer, die die Motoren aufbrummen lassen. Es riecht nach Abgasen. Grace lächelt zufrieden.

Die sambische Bäuerin Grace Siatontola Silume. (Foto: Adam Öjdahl)
Die sambische Bäuerin Grace Siatontola Silume. (Foto: Adam Öjdahl)

„Ich brauche einen Traktor“, flüstert sie. Deswegen ist sie hier. Eine Witwe aus Monze, die Mais und Tomaten anbaut. Ihr Mann starb vor zwölf Jahren an Krebs. Seitdem bewirtschaftet sie die 27 Hektar Land allein, manchmal helfen ihre fünf Kinder. Maschinen besitzen sie nicht.

Der Ort, an den Grace und viele andere Bauern aus ganz Sambia an diesem Tag gekommen sind, nennt sich „Future Farm“. Errichtet wurde der Modell-Bauernhof vom amerikanischen Landmaschinenbauer AGCO (Fendt, Massey Fergusson, Challenger, Valtra, 7,5 Mrd. Dollar Umsatz).

Was hier, auf 148 Hektar Land passiert, ist eins der kühnsten Vorhaben der Agrar-Wirtschaft. Die Idee: AGCO verkauft den afrikanischen Bauern nicht einfach nur Traktoren, Pflüge oder Sämaschinen – sondern lehrt sie, wie man die Geräte benutzt, um damit größere Ernten einzufahren und Böden, Pflanzen und Tiere nachhaltig zu nutzen. Das größte Problem, die Finanzierung, will AGCO gleich mit anpacken und stellt Kontakt zu kreditgebenden Banken her.

Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas auf 2,4 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln. Die Hungersnot wird größer, wenn die Afrikaner sich nicht unabhängig machen von teuren Importen. Dabei sind die Möglichkeiten groß: Afrika verfügt über 60 Prozent aller Flächen weltweit, die landwirtschaftlich genutzt werden könnten: beste Böden, optimale klimatische Bedingungen, gute Wasserversorgung. Doch die Flächen liegen brach.

Martin Richenhagen (64), der deutsche Chef von AGCO, fühlt sich wie ein Entwicklungshelfer, wie er im Interview mit Bilanz.de sagt. Doch verfolgt er das afrikanische Projekt auch aus Eigeninteresse: Der weltweite Agrarmarkt steckt in der Krise, Afrika verspricht Potenzial. Deshalb riskiert Richenhagen jetzt etwas und geht mit seiner „Future Farm“ in Vorleistung. Ob er sein Geld zurück bekommt, ist allerdings ungewiss.

Als Jason Burbidge (46) im Jahr 2011 zum ersten Mal auf dem Gelände stand, sah er nur Ruinen. Die Felder wilderten vor sich hin, Lagerhallen bröckelten. Gemüse wurde hier früher angebaut, aber offensichtlich nicht mit Erfolg. „Die Farm war bankrott“, sagt Burbidge.

Jason Burbigdge leitet die "Future Farm". Er stammt aus einer Familie von Bauern. (Foto: Adam Öjdahl)
Jason Burbigdge leitet die „Future Farm“. Er stammt aus einer Familie von Bauern. (Foto: Adam Öjdahl)

Jason Burbidge ist der Chef der Farm und der Geschäftsführer von AGCO in Sambia. An diesem Tag führt er Besucher über seine Farm. Jetzt sitzt er auf einem Heuballen und spricht über seinen Bauernhof. Ein stämmiger Mann mit sonorer Stimme und einem Lächeln, das in sein kantiges braungebranntes Gesicht eingemeißelt zu sein scheint. „Ich bin nicht zurück nach Afrika gekommen, um den Menschen Maschinen zu verkaufen. Ich bin nach Afrika gekommen, um ihnen die Mechanisierung zu erklären“, sagt er.

Burbidge ist selbst Afrikaner. Er kam in Simbabwe zur Welt, seine Eltern betrieben eine Kaffeeplantage. Jason studierte Agrarwissenschaft in Großbritannien – und als er damit fertig war und zuhause den Hof übernehmen sollte, hatte Simbabwes Diktator Mugabe die Familie enteignet. Also fing Burbidge bei AGCO an, stieg zum Verantwortlichen für Ostafrika auf. Dann bekam er den Auftrag, zu sondieren, in welchem Land man denn eine Modell-Farm aufbauen könnte.

Burbidge analysierte die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage afrikanischer Staaten – und kam zu dem Ergebnis, dass Sambia der beste Standort sei. Das Land ist zwar bettelarm, aber: „Hier gab es keine Kriege, keine Unruhen bei Regierungswechseln, die Wirtschaft ist stabil, selbst das Internet funktioniert gut,“ sagt Burbidge. Der heruntergewirtschaftete Bauernhof überzeugte ihn damals vor allem wegen der Lage: Zur Hauptstadt Lusaka und zum Flughafen ist es nicht weit. So können auch Besucher aus anderen Ländern leicht anreisen.

Zwei Millionen Dollar hat AGCO für die Farm ausgegeben. Heute blitzen neue Siloanlagen in der Sonne, die Felder sehen aus wie mit dem Linear gezogen. Auf 22 Hektar wird Mais angebaut, auf 17 Hektar Soja. Dazwischen: Sonnenblumen, die sind gut für den Boden. 43 Mitarbeiter hat Jason Burbidge – einen von ihnen bezahlt er dafür, dass er giftige Mambas von Besuchern fernhält.

Wer auf der Farm arbeitet, hat Anrecht auf eine Dienstwohnung. Aus den Baracken von einst sind gemauerte Häuser mit Solarzellen auf den Dächern geworden. Wasser, Strom und Gesundheitsversorgung sind inklusive. Burbidge und fünf andere leitende Angestellte haben eigene Häuser auf dem Gelände.

Im Schulungszentrum gibt’s die Theorie, auf den Feldern die Praxis

Mittelpunkt der Farm ist ein Schulungszentrum. Hier werden die Maschinen erklärt, Pflanzenkunde unterrichtet. Draußen auf den Feldern wird die Theorie angewendet.

Zurzeit werden auch viele AGCO-Mitarbeiter auf der Farm ausgebildet: Sie sollen lernen, wie man den Bauern den Gebrauch der Landmaschinen erklärt. Im nächsten Schritt sollen die Mitarbeiter wie Missionare über den gesamten Kontinent ausschwärmen.

Burbidge predigt jetzt tatsächlich. Sein Thema: verantwortungsbewusste Landwirtschaft. „Selbst wenn man einen Traktor hat, kann man damit den Boden zerstören.“ Man sollte so selten wie möglich über die Äcker fahren, denn schweres Gerät drücke die Erde zusammen und lasse keine Luft durch, die Bakterien und Mikroben benötigen. Burbidge spricht’s und eilt von dannen. Der Vize-Landwirtschaftsminister von Sambia ist da.

Grace steht inzwischen mit ihrer Reisegruppe auf dem „Heu- und Futtermittel-Feld“. AGCO-Mitarbeiter Frits Anema (37) will den Bauern eine Lektion im Heumachen erteilen. Er hält einen Grashalm in die Luft, zeigt auf einen Knoten in der Mitte: „Das ist der Wachstumspunkt“, die Bauern nicken. Was darüber liege, sei die Wachstumszone. Es sei wichtig, den Knoten auf gar keinen Fall abzuschneiden, weil das Gras sonst längere Zeit benötige, um nachzuwachsen. Man müsste knapp drüber schneiden.

Anema nickt einem Kollegen zu, der eine Grasschneidemaschine hinter seinem Traktor herzieht. Das Messer schneidet sich auf 15 Zentimetern in das Gras. Danach wechselt der Vorführer seine Maschinen und zeigt andere Geräte: Einen Heuer, der das Gras trockenwirbelt. Einen Schwader, der das lose Gras in Spuren sortiert. Und schließlich eine Ballenpresse. Sein Publikum staunt, macht Fotos mit, applaudiert. Grace hat solche Geräte noch nie gesehen.

Der Niederländer Frits Anema erklärt, wie Gras korrekt gemäht werden sollte. (Foto: Adam Öjdahl)
Der Niederländer Frits Anema erklärt, wie Gras korrekt gemäht werden sollte. (Foto: Adam Öjdahl)

In der Maschinenhalle des Schulungszentrums steht der Massey Ferguson MF 345. Ein Traktor, der in Europa in einem Museum stehen würde: 50 PS, drei Zylinder, Höchstgeschwindigkeit 40 km/h. Kein Führerhaus mit Klimaanlage oder Joystick. Der Motor versteckt sich nicht hinter einer aufwändigen Verkleidung, sondern liegt frei. Ein Traktor für Entwicklungsländer.

Der Schlepper kostet rund 10.000 Dollar. Zusammen mit Egge, Pflug, Tiefenlockerer, Sämaschine, und Anhänger werden 20.000 Dollar fällig. Die Einzelteile kommen aus China und Indien, nach Afrika verschifft werden die Teile eines Traktors in einer großen Holzkiste. In einer Fabrik in Algerien werden die Maschinen zusammengesetzt.

AGCO hat den Test gemacht und ein Hektar Maisfeld per Hand bewirtschaftet. Ergebnis: 1,5 Tonnen Ertrag im Jahr. Zum Vergleich eggten, pflügten und säten die Mitarbeiter ein Feld mit dem Traktor aus der Holzkiste. Ergebnis: 5,2 Tonnen Mais, der dreieinhalb-fache Ertrag.

Kamala Ng’andwe (42) aus Chingola im Norden Sambias lässt sich in der Maschinenhalle von einem Mitarbeiter beraten. „Nichts Elektronisches, alles ist mechanisch“, sagt der Mann von AGCO und zeigt auch noch den Luft- und Dieselfilter. „Ich bin beeindruckt“, sagt Ng’andwe. Bislang ist er Bauer im Nebenberuf, verdient sein Geld in einer Kupfermine. Ein hartes Geschäft, krisenanfällig noch dazu, viele Jobs sind schon weggefallen. Deshalb möchte er jetzt Hühner züchten und Sojabohnen anbauen. Bislang besitzt er keine Maschinen, doch das soll sich jetzt ändern, mit dem MF 345. „Ich werde mir einen kaufen“, sagt er. Er habe lange gespart.

Kamala Ng’andwe (rechts) lässt sich einen Schlepper erklären. (Foto: Adam Öjdahl)
Kamala Ng’andwe (rechts) lässt sich einen Schlepper erklären. (Foto: Adam Öjdahl)

Dass sich ein einzelner Bauer einen Traktor leisten kann, daran glaubt nicht mal AGCO-Chef Richenhagen. Seine Idee: Mehrere Bauern schließen sich zu einem Maschinenring zusammen. Die Rechnung: Wenn sich fünf Familien mit Betrieben von jeweils fünf Hektar zusammenschließen, können sie einen Traktor samt Zubehör innerhalb von drei Jahren finanzieren. Den Kontakt zur kreditgebenden Rabobank stellt AGCO her.

Wieder draußen auf dem Feld hat sich beim Probefahren eine lange Schlange gebildet. Naomi Mweetwa Choongo (66) ist – wie Grace – aus Monze angereist. „Für die Zukunft meiner Söhne wäre es so wichtig, einen Traktor zu haben“, sagt sie. Die Witwe baut Mais, Nüsse und süße Kartoffeln an, ihre beiden Söhne helfen ihr dabei. Dann darf sie sich endlich auf den Fahrersitz setzen, ein Trainer gibt ihr Anweisungen. Der Schlepper ruckelt los, erst zögernd, aber dann gibt Naomi Gas – ihr dunkles Lachen ist auch trotz des Motorenlärms weit zu hören.

Ein AGCO-Mitarbeiter erklärt eine Ballenpresse. (Foto: Adam Öjdahl)
Ein AGCO-Mitarbeiter erklärt eine Ballenpresse. (Foto: Adam Öjdahl)

Später am Nachmittag sitzen Grace, Naomi und die die anderen Kleinbauern auf Stühlen in einem Unterrichtsraum im Schulungszentrum. Vor ihnen steht ein Deutscher, Josef Thoma (54) vom Münchner Agrarhandelskonzerns Baywa, der in Afrika AGCO-Maschinen vertreibt. Thomas Thema heute: „Grundlagen der Landwirtschaft“.

Er referiert über die richtige Bewirtschaftung des Bodens: Ein Scheibenpflug oder eine Scheibenegge entzögen dem Boden Feuchtigkeit. Besser sei ein Grubber, der den Boden lockert und die fruchtbaren Bodenbakterien an der Oberfläche lässt. „Und wenn man düngt, muss man den Dünger richtig dosieren“, sagt Thoma. Häufig stürben Samen an zu viel Phosphat oder Ammonium. Die Sämaschine aus dem Paket von AGCP dosiere den Dünger „seit- und tiefwärts“ vom Saatgut. Also genau richtig.

Auch beim Thema Unkrautbekämpfungsmittel appelliert er an die Landwirte: Auf keinen Fall sollten sie ohne Mund- und Nasenschutz und mit nackten Beinen oder Armen spritzen.

Am Ende des Tages wirkt Grace erschöpft und ein wenig niedergeschlagen. „Wir wissen einfach viel zu wenig über unseren eigenen Boden“, sagt sie. Der Bus, der sie und die anderen Bauer zurück nach Monze bringen soll, wartet draußen. Es sei trotzdem sehr nett auf der Future Farm gewesen, sagt Grace. „Jetzt habe ich etwas, was ich meinen Kindern erzählen kann.“ Dann spricht sie noch einmal über den Traktor, den sie kaufen möchte. Irgendwann, wenn sie hoffentlich einen Kredit bekommt. Dann allerdings gibt es noch ein kleines Problem: Grace hat keinen Führerschein.

Die Geschichte der sambischen Bäuerin Grace geht weiter. BILANZ hat sie auf ihrem Bauernhof in der Nähe von Monze besucht. Hier geht’s zu Reportage.