Preußische Tugenden

Vom 02.12.2016

Tessa Tessner geht zum Angriff über: Mit ihrem Möbel-Discounter Roller will sie Ikea, Höffner, Poco und Co. das Fürchten lehren. Kurzbericht aus einer heftig umkämpften Branche.

Geht keinem Kampf aus dem Weg: Roller-Chefin Tessa Tessner. (Foto: Claudia Kempf)

Geht keinem Kampf aus dem Weg: Roller-Chefin Tessa Tessner. (Foto: Claudia Kempf)

Als Tessa Tessner (37) vor vier Jahren mit ihrem Hund bei der Nachhilfe in einer Essener Hundeschule war, jagte ihr ein offenbar irregeleitetes Hundevieh derart gewalttätig in die Kehle des linken Knies, dass dessen Scheibe heraussprang und weit geflogen, wenn’s denn möglich gewesen wäre. Der traurige Vorfall hat Nachwirkungen bis heute: Ob Wind oder Wetter, Tessa Tessner läuft seither keinen Halbmarathon mehr.

Den Dauerlauf hat sie freilich nicht generell aufgegeben: Drei- bis viermal in der Woche trabt sie noch durch den Ort, eskortiert von ihrem schwarzen Cockerspaniel-Münsterländer, der auf den bezeichnenden Namen Blacky hört.

Aber mit anderen um die Wette zu laufen, davon nimmt Tessa Tessner nunmehr Abstand. Das Knie. Schade. Denn sie liebt den Wettkampf, den Wettbewerb, schon von Berufswegen. Sie arbeitet in der Möbelbranche.

Vielleicht arbeitet sie dort nicht nur aus Neigung, sondern aufgrund höherer Gewalt, wer vermag das heute noch zu sagen, und eine Rolle spielt es ohnehin nicht: Tessa Tessners Vater ist der namhafte Unternehmer Hans-Joachim Tessner (72), Herr und Meister der Tessner-Gruppe aus Goslar.

Mehr als 167 Möbelläden hat der Mann auf akkurate Weise in der ganzen Republik zerstreuen lassen. Nie zwei auf einem Haufen, sondern alle schön verteilt. Die Hauptkooperative arbeitet unter der Markierung „Roller Discount“ (121 Filialen), was an der Finanzkraft ihrer Kundschaft keinen Zweifel lässt. Daneben betreibt Tessner 46 weitere Anlagen: Schulenburg-Einrichtungszentren, SB Lagerkauf und Meda Küchenfachmärkte.

Mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden Euro liegt der Großbetrieb in Deutschland hinter Ikea, Höffner und XXX-Lutz auf dem vierten Rang. Vom Gewinn wird so gut wie nichts von der Familie aufgezehrt, denn die Firma braucht alle Kraft. Die Eigenkapitalquote darf mit einem Messwert von mehr als 40 Prozent als urwüchsig bezeichnet werden.

Ins Familienvermögen eingeordnet, ist auch die für Möbelhäuser obligate Immobilienfirma, hier „Tescom“ mit Namen, sowie eine Portion von 15,1 Prozent an dem Saatguthersteller KWS, die einen Wert von knapp 300 Mio. Euro darstellt. Auch besitzt die Harzer Familie weiträumige Forste (35 Quadratkilometer), in denen viel Getier und viele Einrichtungsgegenstände heranwachsen. Die Tessners sind, weiß Gott, keine armen Leute. BILANZ (s. Ausgabe 9/2016 „Die 750 reichsten Deutschen“) schätzt ihr Vermögen auf 900 Millionen Euro.

Obwohl der Senior selbst nur noch beratenden Einfluss ausübt, wenngleich er kraft Autorität natürlich das letzte Wort behält, bleibt sein Unternehmen ein Familienbetrieb: Schwiegersohn Michel Schreyeck führt die Tejo-Kette auf den rechten Weg, seine Frau Anke Tessner-Schreyeck (48) ist Beirätin der Dachgesellschaft, ihre Schwester Tessa aber Chefin von Roller, der maßgebenden Veranstaltung des Hauses, „die Sprecherin nach außen, das Gesicht der Firma“, wie sie sagt.

Die Möbel-Kette mit dem vielversprechenden Motto „Das gibt’s doch gar nicht – doch, bei Roller“ hat ihren Verwaltungssitz in Gelsenkirchen-Erle errichtet, einen vierstöckigen Bau mit großer Fensterfront in Sichtweite zur Veltins-Arena, wo der FC Schalke 04 spielt, den Roller finanziell unterstützt. „Wir stehen beide für eine absolute Erfolgsorientierung, ohne unsere Bodenständigkeit und unsere Wurzeln zu vergessen“, sagt die Dame.

Tessa Tessner trägt ein schwarzes Kostüm, einen grauen Seidenschal, zwei scharfe Lidstriche und eine Kurzhaarfrisur vom Feinsten sowie am Handgelenk eine silberfarbene „Rolex Daytona“, die zwischen 11.000 und 68.000 Euro gekostet haben muss. Ein Geschenk ihres Vaters. Blacky krüllt sich in der Ecke unterm Tisch zusammen. Er hat keinen Sinn für Uhren. Aber für Koteletts.

In der Möbelbranche ist der Teufel los. Da wird verdrängt, erledigt und abgewickelt, dass es nur so raucht. Hinter Roller hört man die Kanonen donnern von Segmüller (Südwest), Schaffrath (Niederrhein, Ruhrgebiet) und Zurbrüggen (Nordwest).

Die Aktionen von Westwing und Home 24 machen die Lage nicht übersichtlicher, und in der Ferne wetterleuchten schon Amazon und Ebay.

„Natürlich gibt es eine Marktsättigung, und natürlich herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb in der Möbelbranche“, sagt Tessner, die eine schneidige, unerschrockene und effiziente Managerin ist: „Auch wir wollen verdrängen und anderen Marktanteile wegnehmen. Die Großen werden überleben. Und wir gehören dazu.“

Die Roller-Filialen sind im Schnitt 7.000 Quadratmeter groß. Marktführer Ikea setzt zwar auf noch ausgedehntere Flächen, verfügt aber mit 51 Häusern nicht einmal über die Hälfte der Standorte.

1969 von den Gebrüdern Marquardt in Osnabrück gegründet und 1986 von Hans-Joachim Tessner vereinnahmt, sieht Roller seine wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung darin, den Möbel-Discount eingeführt zu haben. 15.000 Artikel zum Mitnehmen und Einladen für Leute, die auf den letzten Cent achten: Metallbett „Arena“ (69,99 Euro), Schwebetürenschrank „Scooter“ (179,99 Euro), Bücherregal „Bingo“ (29,99 Euro), Boxspringbett „Ramona“ (399,99 Euro).

Als der Schalke-Profi Benedikt Höwedes im Frühjahr eine Sofagarnitur bei Roller kaufte, kommentierten nicht wenige das Beweisfoto auf Rollers Facebook-Seite mit der Frage, ob Schalke nun das Gehalt gekürzt habe.

„Ich finde, dass es clever ist, bei uns einzukaufen“, sagt Tessa Tessner. „Wir sprechen die Smartshopper an, also nicht nur die, die sparen müssen, sondern auch die, die sparen wollen.“

Roller geht mit gutem Beispiel voran, spart an der Dekoration, am Service, an der Beratung, an Markenmöbeln. Man sei vergleichbar mit dem Modehändler Zara, sagt Tessner (dessen Kleidung sie im Übrigen nicht verschmähe). „Wir haben einfach ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis.“

Ihre Wohnung im Luftkurort Essen richtet sie auch (größtenteils) mit dem Familien-Sortiment ein. Denn das bekommt sie billiger. Auch die Albrecht-Brüder Karl und Theodor versorgten sich, als sie es noch konnten, mit Lebensmitteln von Aldi.

„Die Marktkonzentration ist auf dem Vormarsch“, sagt Thomas Grothkopp (62), Klassensprecher des Bundesverbands des Deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels. „Die größte Herausforderung auf dem deutschen Möbelmarkt ist die Konsolidierung.“

Das kann Tessa Tessner gefallen, denn von ihrer Warte aus bietet sich ein malerischer Anblick aufs Wettbewerbsgeschehen. „Wir wollen unser Geschäftsmodell erfolgreich weiterentwickeln“, sagt sie auf zackig-resolute Weise. „Wir wollen expandieren: stationär und online.“ Für 40 bis 50 weitere Roller-Märkte sei in Deutschland Raum genug. „So schnell wie möglich“ soll es gehen.

Es ist keine Beleidigung, das Roller’sche Rollkommando als gewaltsam zu bezeichnen, es gleicht mit seinem irrwitzigen Tempo einem gut organisierten Sturmangriff. Viele Konkurrenten sind in Behandlung. Der Sanitätsdienst ist ausgerückt.

Und auch außer Landes braucht der Mensch ja Möbel, nicht nur in Luxemburg und Österreich, wo Roller schon mit drei Märkten bzw. einem Internetangebot vertreten ist. Allenthalben wartet noch jede Menge Kundschaft. Tessa Tessner ist nicht bang vor dem eigenen Mut. Sie sei „streng“ erzogen worden, und zwar nach „preußischen Tugenden“. Sie mag das: „Fleiß, Pünktlichkeit!“

Aufgewachsen ist die Managerin in Goslar, der Kaiserpfalz. Nach dem Abitur besuchte sie die Möbelfachschule in Köln und studierte anschließend die Belange der Betriebswirtschaft in Hamburg.

In Anbetracht der Tatsache, dass ihre ältere Schwester Anke, eine vierfache Mutter, nur als Beirat operiert, war Vater Hans-Joachim Tessner mit Begeisterung erfüllt über den Entschluss seiner Jüngsten, 2004 bei Roller als Assistenzkraft im Einkauf einzusteigen.

„Die Großen werden überleben. Und wir gehören dazu.“

Familie ist dem Vater wichtig. Tessas Schwager Michael Schreyeck leitet, wie anfangs berichtet, ein paar Schulenburg-Häuser; und Tessa Tessners Exmann Alexander Hirschbold war bis 2014 Roller-Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing.

„Unser Vater hat meine Schwester und mich schon früh einbezogen und uns gezeigt, was es heißt, Unternehmer zu sein“, sagt die Roller-Chefin. Der Vater brachte Werbeprospekte mit nach Hause, auch jene der Konkurrenz; zusammen habe man am Abendbrot-Tisch beredet, was die Konkurrenz besser mache. „Kapieren und kopieren“, habe der Vater gepredigt, ein offenkundig weiser Mann.

Wenn die Familie in den Skiurlaub fuhr, plante der Patriarch die Route stets entlang von Roller-Märkten. Bei jeder Filiale mussten die Familienmitglieder aussteigen und sich inkognito als Kunden ausgeben. Sie mache das auch heute noch, sagt Tochter Tessner. Die eigene Belegschaft erkenne sie aber zunehmend.

Das hängt mit ihren Vorstandsressorts zusammen: Marketing und Digitales. Vor allem der Möbelkauf übers Internet spielt eine tragende Rolle in den ehrgeizigen Wachstumsplänen. Roller verfügt über 700.000 Facebook-Fans und eine vom Netzwerk amtlich beglaubigte „hohe Reaktionsfreudigkeit“. In Deutschland hat nur Ikea mit 1,2 Millionen einen größeren Facebook-Anhang.

Den Internetanteil am Gesamtumsatz wird als Betriebsgeheimnis betrachtet. „Noch einstellig“ sei er, nehme aber kräftig zu. „Wir wollen die Marke als Cross Channel-Anbieter etablieren. Das ist es, was wir besser können als die Wettbewerber.“

Man muss ihr zugutehalten, dass sie bei Roller verhältnismäßig früh damit begonnen haben: Als Höffner vor zwei Jahren seinen digitalen Vertriebskanal eröffnete, feierte der von Roller zehnjähriges Jubiläum.

Und auch wenn Roller sonst an allem spart, wie es sich für einen Rabattierer gehört: Die Ausgaben für TV- und Radiowerbung steigen Jahr für Jahr. Das Unternehmen präsentiert sich in einem guten Zustand, trug kaum einen Kratzer im rauen Wettbewerb davon, geschweige denn innere Verletzungen.

Jüngst hat Tessa Tessner hinter dem alten ein neues Roller-Verwaltungsgebäude seiner Bestimmung übergeben. Es bietet Platz für 100 Mitarbeiter; insgesamt beschäftigt das Unternehmen nun mehr als 7.000 Leute.

Nach dem Treffen mit BILANZ schwenkt Tessner den Firmenwagen, einen schwarzen „BMW X6“, vom Parkplatz der Roller-Zentrale auf die Willy-Brandt-Allee. Die Auffahrt ist eine Einbahnstraße. Aber sie hat keine Zeit, erst um das Gebäude herumzugurken. Es muss schnell gehen. Dann gibt sie Gas. Aber nicht Vollgas.