„Noch lange kein Trend”

Vom 08.12.2016

Das US-Magazin „Forbes” gilt weltweit als eines der erfolgreichsten Medienunternehmen. BILANZ hat mit dem Erfinder seines Online-Geschäftsmodells gesprochen.

Im internationalen Vergleich noch gering: Rund ein Drittel der Deutschen nutzen ihr Smartphone als Informationsquelle für Nachrichten. (Foto: Picture Alliance)

Im internationalen Vergleich noch gering: Rund ein Drittel der Deutschen nutzen ihr Smartphone als Informationsquelle für Nachrichten. (Foto: Picture Alliance)

 

Lewis Dvorkin ist seit sechs Jahren Chief Product Officer beim US-Wirtschaftsmagazin „Forbes”. Zuvor gründete der Journalist das Medien-Start-up „True/Slant”.  Er entwickelte dort ein Kontributorenmodell, das „Forbes” 2010 mit dem Kauf des Unternehmens übernommen hat.

 

Herr Dvorkin, Online-Medien wie „Huffington Post” und „Buzzfeed” haben laut aktueller Reichweiten-Rankings die traditionellen Medien wie die „New York Times” und „Washington Post” überholt. Überrascht Sie diese Entwicklung?

Ich sehe das gelassen. Es sind nur Momentaufnahmen – das mag in einem Monat der Fall sein, aber es ist noch lange kein Trend. Meine Theorie ist, dass erstens die „New York Times” und „Washington Post” mehr denn je versuchen, ihr digitales Publikum zu finden.

Und zweitens wollen viele Nachrichtenkonsumenten – gerade in so wichtigen Wahljahren wie diesem – eine großartige Berichterstattung. Und das liefern „New York Times” und „Washington Post” – es bleibt also abzuwarten, was in den kommenden Monaten passiert.

Interessant in Deutschland ist auch die jüngste Kooperation zwischen „Gruner + Jahr” und „Google News”, die zusammen eine Nachrichten-App entwickeln. Was halten Sie von solchen Kooperationen?

Ich weiß, dass Google ein sensibles Thema in Deutschland ist, aber wir arbeiten hier ja auch schon lange auf diese Art und Weise. In erster Linie müssen die besten Modelle für die eigene Redaktion entwickelt werden; und diese müssen auch in einem digitalen Umfeld funktionieren.

Sobald Sie das richtige gefunden haben, müssen Sie sich mit den richtigen Leuten zusammentun, die Ihnen helfen können, den gewünschten Journalismus und die entsprechende Redaktion aufzubauen.

Bei „Forbes” haben wir sechs Jahre dafür gebraucht, das richtige Modell aufzubauen. Und im Laufe der Zeit haben wir verschiedene Partnerschaften aufgebaut, um dieses Modell bestmöglich umzusetzen.

Und wie sah der Weg dahin genau aus?

Ich habe 2008 ein Unternehmen gegründet und dafür ein Kontributorenmodell erfunden. Als „Forbes” das Start-up 2010 kaufte, haben wir dieses Modell in Kombination mit Native Advertising beibehalten – und bis heute sehr erfolgreich weiterentwickelt.

Lewis Dvorkin arbeitete u.a. für die „New York Times”. (Foto: Getty Images)
Lewis Dvorkin arbeitete u.a. für die „New York Times”. (Foto: Getty Images)

Wie kamen Sie denn eigentlich auf die Idee?

Das werde ich immer wieder gefragt. Wir waren vier Mitarbeiter und starteten mit 25 Kontributoren, denen wir 50 Dollar im Monat für drei bis vier veröffentlichte Beiträge auf unserer Plattform zahlten. Wir haben Ihnen dafür die Werkzeuge an die Hand gegeben, auch um sich selbst in den sozialen Medien zu bewerben. Stellen Sie sich vor, damals gab es Twitter und Facebook noch nicht wirklich – zumindest noch nicht für ein breites Publikum und auch der Online-Journalismus war noch ganz am Anfang.

Heute haben wir 300 Kontributoren und einige Werbepartner, die auch ihren eigenen Kanal haben. Plötzlich hatten wir also Redakteure, für die wir den Anreiz schufen, ein Publikum aufzubauen, und Werbepartner, sogenannte Brand-Voice-Partner, andererseits.

Eine letze Frage: Wie entwickeln Sie bei „Forbes” neue Ideen und was planen Sie in Zukunft?

Wie Sie wissen, dreht sich heute alles um mobile Endgeräte. Also bauen wir gerade eine „mobile first newsroom mentality“* in unserer Redaktion auf – und das ist schwieriger als alles andere, was ich in den vergangenen sechs Jahren gemacht habe.

Das Schwierige daran ist, Reporter und Redakteure, aber auch die Kontributoren von der Denkweise wegzubewegen, dass der beste Weg, eine Geschichte zu erzählen, nicht mehr das Schreiben einer Geschichte ist. Sondern vielleicht erzählt man sie am besten in einer Tabelle oder einem einzigen Foto oder ein paar Fotos oder ein paar Zeilen und einem Foto.

Aber die Journalisten denken heute immer noch im Form von 800 oder 1000 geschriebenen Worten. Für eine „mobile first newsroom mentality“ aber muss man sich fragen: Wie erzähle ich diese Geschichte am besten? Und nicht: Jetzt schreibe ich die Geschichte in 800 Worten auf.

Bei Forbes haben wir die notwendige Infrastruktur und die Publishing-Tools, einschließlich Datenjournalismus und soziale Medien, um unsere Autoren von dieser Philosophie zu überzeugen und dabei mitzumachen.

 

*Anmerkung der Redaktion: Beim Ausspielen von Nachrichten zuerst an mobile Endgeräte zu denken.