„Hundert Millisekunden kosten ein Prozent Umsatz”

Vom 23.09.2016

Keine nervigen Wartezeiten mehr! Das Startup Baqend hat eine Software für schnelleres Internet entwickelt. Einer der Gründer über die Geschäftsidee.

Sofort-ladende Webseiten dank neuem Caching-Algorithmus. (Foto: Getty Images)

Sofort-ladende Webseiten dank neuem Caching-Algorithmus. (Foto: Getty Images)

Baqend ist ein Cloud-Service, mit dem dank neuer Caching-Algorithmen die Ladegeschwindigkeit von Webseiten und Apps verbessert werden soll und das vor allem im E-Commerce eingesetzt wird.

Das Hamburger Unternehmen wurde 2014 von vier ehemaligen Informatik-Studenten der Universität Hamburg gegründet – Malte Lauenroth, Florian Bücklers, Felix Gessert und Hannes Kuhlmann. 

 

Herr Gessert, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Start-up zur Entwicklung von schnellen Apps und Webseiten zu gründen?

Lange Ladezeiten im Internet haben uns schon immer genervt und dass wir damit nicht alleine sind, zeigen diverse Studien. Amazon hat zum Beispiel gemessen, dass eine um 100 Millisekunden gesteigerte Wartezeit den Umsatz um ein Prozent zurückgehen lässt.

Nicht nur im E-Commerce ist Ladezeit reines Geld. Die Zufriedenheit von Nutzern hängt sehr stark von der gebotenen Geschwindigkeit ab. Während meines Informatikstudiums an der Universität Hamburg habe ich mich daher mit den technischen Gründen langsamer Ladezeiten beschäftigt.

Mit meinem Kommilitonen und Mitgründer Florian habe ich daraufhin einen gänzlich neuen Ansatz entwickelt, um Inhalte schneller an Nutzer auszuliefern. Als wir feststellten, wie gewaltig die Beschleunigungen sind, war uns klar, dass diese Forschungsergebnisse nicht für die Schublade, sondern als Basistechnologie für das zukünftige Web bestimmt waren.

Um unsere Vision eines Internets ohne spürbare Ladezeiten umzusetzen, gründeten wir Baqend.

Mit Ihrer Software versprechen Sie eine Beschleunigung der Anwendungen von über 500 Prozent. Wie funktioniert das eigentlich genau?

Jetzt wird es etwas technischer.

Es gibt zwei Ursachen für langsame Webseiten. Die erste Ursache ist, dass hohe Verarbeitungszeiten im Server entstehen, wenn Webseiten zusammengebaut werden. Der zweite Flaschenhals ist die Auslieferung über das Netzwerk, bei der jede einzelne Teilanfrage – das sind pro Seitenaufruf etwa 100 Stück – vom Webseitenbesucher durch das Internet bis zum Server und zurück wandern muss.

Wir verwenden vorhandene Zwischenspeicher – so genannte Caches, die sich überall auf der Welt befinden, um Daten dichter an Nutzern zu speichern. Bisher wurden Caches lediglich zum Speichern von unveränderlichen Inhalten wie beispielsweise Bildern verwendet.

Durch die Algorithmen, die wir entwickelt haben, können wir beliebige Daten zwischenspeichern und sie dabei stets aktuell halten. Das wird möglich gemacht durch die Cache-Sketch-Datenstruktur, die wir konzipiert haben, um vom Endgerät bis zu Internetknotenpunkten jeden Cache zu benutzen und innerhalb von Millisekunden zu aktualisieren.

Die Verarbeitungszeiten sind damit auch entschärft, denn die allermeisten Anfragen erreichen den Server nicht mehr. Der Nutzer merkt von diesem ganzen Prozess nichts, für ihn fühlt es sich nur so an, als wäre die Seite schon geladen, bevor der Knopf gedrückt wurde.

Baqend ist sicher nicht das erste Unternehmen, das die Ladegeschwindigkeit von Webseiten verbessern will. Was bietet Ihre Software, was andere nicht haben?

Baqend ist ein Spin-Off der Datenbankforschungsgruppe der Uni Hamburg, die von Prof. Norbert Ritter geleitet wird, der auch mein Doktorvater und ein wichtiger Mentor von Baqend ist. Wir haben dort bereits über 20 Personenjahre Forschung in die zugrundeliegende Technik investiert und dabei ein völlig neues Forschungsgebiet etabliert.

Hinter Baqend stecken neben drei Promotionsvorhaben dutzende wissenschaftliche Publikationen und Abschlussarbeiten. Die aus dieser Forschung entstandenen Algorithmen sind weltweit einzigartig und können von keinem anderen Marktteilnehmer so verwendet werden.

Das besondere an unserem Ansatz ist, dass Kunden keinerlei Vorwissen über Web-Beschleunigung und Caching mitbringen müssen – unser Cloud-Dienst optimiert sich mit Machine-Learning-Verfahren automatisch für die bestmöglichen Ladezeiten jeder Anwendung.

Der Markt entwickelt sich rasant weiter. Haben Sie keine Bedenken, dass Ihr Angebot irgendwann überholt ist?

Aktuell sehen wir uns sehr gut positioniert und sind der Konkurrenz in Sachen Ladezeiten um etwa Faktor 6 voraus. Es ist uns aber bewusst, dass sich Märkte und Technologien schnell ändern können. Durch unsere guten Vernetzung in die Forschung sind wir jedoch optimistisch, neueste Techniken und Trends schnell erkennen und umsetzen zu können.

Wo ist Ihre Plattform denn schon im Einsatz? Und wieviel Umsatz erzielen Sie derzeit damit?

Wir haben bereits vor dem Launch von Baqend Cloud angefangen, verschiedene Kundenprojekte zu betreuen. Dies hat uns sehr dabei geholfen, unsere Software für echte Anforderungen und Marktbedürfnisse zu optimieren. So läuft unter anderem schon seit letztem Jahr das Social Network „acto” auf Baqend.

Eine sehr erfolgreiche Baqend-Anwendung ist der Online-Shop „Thinks.com”. Das Startup verkauft ein Sporthandtuch und war mit seinem Produkt vor Kurzem bei der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen”. Dank des Einsatzes von Baqend konnte die extreme Last von zeitweise über 45.000 gleichzeitig aktiven Benutzern spielend bewältigt werden. Wir sind sehr stolz darauf, dass die Ladezeit durchgehend unter einer Sekunde lag und deshalb eine Konversionsrate von über sieben Prozent erreicht werden konnte – ein Vielfaches mehr als zuvor von Experten prognostiziert.

Seit Februar dieses Jahres ist unsere Plattform online. Da wir unser Software-as-a-Service bisher noch nicht aktiv bewerben, kommt uns der Preis in Form des Medienbudgets sehr gelegen. Wir rechnen aktuell mit einem knapp sechsstelligem Umsatz für das Jahr 2016 und sind optimistisch, diesen im nächsten Jahr stark steigern zu können.

Wie finanzieren Sie sich?

Zu Beginn haben wir uns durch „Exist” finanziert, einem Förderprogramm für innovative Startups, das durch das Bundeswirtschaftsministerium vergeben wird. Anschließend konnten wir die Hamburgische Investitions- und Förderbank überzeugen und erhalten aktuell Geld durch ihr Programm „InnoRampUp”.

Beide Programme haben den großen Vorteil, dass sie außer Commitment und Innovationskraft des Startups keine Gegenleistung fordern. Da Baqend nun ein marktfähiges Produkt ist, stellen wir momentan eine Finanzierungsrunde durch Beteiligungskapital für Ende des Jahres zusammen. Auf diese Weise wollen wir Baqend am Markt positionieren und das Team für diese Aufgabe vergrößern.

Was planen Sie in Zukunft – wie soll sich Ihr Unternehmen weiterentwickeln?

Wir haben große Pläne für Baqend. Da wir eine Basistechnologie für ein schnelleres Internet entwickeln, ist der potenzielle Markt gigantisch. Unser Fokus für das nächste Jahr liegt daher darauf, zu internationalisieren und Marketing und Vertrieb aufzubauen, die so ein globales Produkt tragen können.

Wir werden Baqend weiterentwickeln, um es noch einfacher für den E-Commerce einsetzbar zu machen. Wir wollen möglichst vielen Shops ermöglichen, unsere Beschleunigung mit geringem Aufwand einzusetzen. Auch wollen wir ein Netzwerk aus Technologie- und Entwicklungspartnern aufbauen, um maßgeschneiderte Baqend-basierte Softwarelösungen anzubieten. Unser Ziel ist dann erreicht, wenn es beim täglichen Surfen im Internet keine Ladezeiten mehr gibt.